Sag´ bescheid

Zerrissen sind wir alle

MERKWÜRDIG, WIE NAH SICH GLÜCK UND UNGLÜCK MANCHMAL KOMMEN – GEOGRAFISCH, ZEITLICH, EMOTIONAL. WIE GLEICHZEITIG SIE EXISTIEREN. AUCH UTA-ROSA STRÖBEL FÜHLT SICH DAVON HERAUSGEFORDERT – UND TRIFFT EINE  FOLGENSCHWERE ENTSCHEIDUNG.

Manchmal kann ich das alles einfach nicht mehr sehen. Da steht, dass eine Mutter und ihr Säugling auf der Bundesstraße verunglückt sind, zurück bleiben Vater und Tochter. Hier, eine Seite weiter, ist ein Bild von Menschen, die im Regengrau auf der beschwerlichen Reise nach Europa sind. Mehr geht nicht, denke ich dann und schließe die Zeitung.
Aber ich kann es nicht ganz abschütteln. Ein Gedanke lässt mich nicht los: Niemand fragt diejenigen, die leiden, wie viel mehr noch geht, wie viel mehr sie noch ertragen. Während ich zwischen Mittagessen und Kaffeetrinken entscheide, welche Nachrichten ich in mein Herz lasse, haben die Protagonisten der Nachricht keine Wahl: Es geht um ihr Leben. Niemand fragt, wie viel noch geht.

IM SCHMERZ GETRENNT
Was auf dieser Welt manchmal passiert, ist unfassbar. Niemand hat Krieg verdient, kein Land, keine Kultur, kein Mensch sollte dort leben müssen, wo geschossen wird, wo Sirenen Angriff bedeuten statt Feuerwehrübung am Samstagnachmittag. Auch im Inneren mancher Menschen wütet Krieg. Wie ein Presslufthammer, der alles entzwei reißt. Wenn sich die Eltern plötzlich scheiden lassen, wenn die Krebsdiagnose verkündet wird, das Baby die Nacht nicht überlebt hat.
Wir sind alle gleich, in uns wurde der gleiche Wert gelegt, egal, wo, wie und als wer wir geboren sind. Doch uns unterscheidet massiv, welchen Leiden und Schmerzen wir ausgesetzt sind und wurden. Ich kenne Verlust, echten Verlust, bis jetzt nur aus Beschreibungen. Natürlich bekomme ich nicht immer, was ich will. Ich habe schon den falschen Leuten vertraut, mich schmerzhaft verletzt und Lebenschancen verpasst. Freundschaften sind auseinandergegangen und kleine und große Träume geplatzt. Aber in Relation zu dem, was alles bis jetzt leicht war in meinem Leben, ist das etwa so, als hätte das Auto, das mir gerade jemand geschenkt hat, hinten links einen kleinen Kratzer.

LEBEN IM PALAST
Natürlich bin ich nicht gefeit davor, was die Zukunft an Schönem und Schwerem bringt. Es ist nun mal so: Aktuell geht es mir bestens, während die Welt um mich rum Kopf steht. Menschen, die ich gut kenne, und Menschen, über die ich in der Zeitung lese, erleiden teilweise Unsägliches. Dieses Phänomen gab es vor unserer Zeit noch nie: einerseits ein Gefühl größtmöglicher Sicherheit, Perspektive und Freiheit und gleichzeitig ständige Konfrontation mit dem, was überall auf der Welt passiert. Im Mittelalter lebten alle entweder mitten im Geschehen – oder ganz, ganz weit weg. Als Prinz bekam man kaum mit, was in der Gosse passierte. Der goldene Palast wurde – wenn überhaupt – dann nur für die goldene Kutsche verlassen. Getrennte Welten.
Auch ich lebe in einem Palast, in meinem großen Zimmer in einer wundervollen Wohngemeinschaft, mit einem Supermarkt nebenan und großartigen Zukunftsplänen. Ich habe kein echtes Gefühl für die dunkle Seite des Lebens. Ich kann mir nicht vorstellen, was man durchmacht, wenn sich die Eltern trennen, die Freundin stirbt, das Haus zerbombt ist. Es gibt Dinge, die versteht man erst, wenn man sie selbst aushalten muss. Esther Maria Magnis beschreibt das in ihrem poetischen und ehrlichen Buch „Gott braucht dich nicht“. Als sie siebzehn war, starb ihr Vater an Krebs. Sie erkannte über das Leiden: „Es ist ein Unterschied, ob man was im Fernsehen gesehen hat, was einen unendlich entsetzt und intellektuell fragen lässt, wie Gott, wenn es ihn gibt, das zulassen kann. Oder ob man die Frage kaum noch stellen kann, weil man so wundgeprügelt ist, dass man selbst zur Frage wird.“
Wir sind es gewohnt zu antworten. „Wann kommt der Bus?“, fragt jemand und wir sagen: „In zweieinhalb Minuten“, und alles ist gut. Frage – Antwort, das ist das Spiel. „Was kommt nach dem Tod?“, fragt jemand, der leidet, und wir versuchen irgend-eine Antwort zu finden, dabei können wir es einfach nicht wissen. Gott weiß schon, sagen wir, und: „Es war wahrscheinlich alles besser so.“ Jede Antwort ist eine Lüge, weil wir schon die Frage nicht wirklich verstehen können. Es ist ein Unterschied, ob ich am Grab meines Bruders frage, wieso Gott Leid zulässt oder in einem Aufsatz für die Uni. Wir sind es gewohnt, diese Floskeln als Antworten zu geben für Menschen, die leiden – und diese Sätze auch ein bisschen zu glauben.

LERNEN VON DER HÖLLE DER ANDEREN
Esther schreibt, dass nur ihre Haushälterin Tota sie in der här-testen Zeit trösten und ihr zusprechen durfte, dass Gott trotzdem da war. „Tota durfte alles sagen. Sie hatte in Bosnien die Hölle erlebt, und wenn sie von Gott sprach, klang es realistischer als das Grauen, was sie gesehen hatte.“
Auch Corrie ten Boom ist durch die Hölle gegangen. Vor über siebzig Jahren  musste sie als Insassin in einem Kon-zentrationslager erleben, was es bedeutet, verzweifelt zu sein. Durch die brutalen Bedingungen der Haft kam ein Großteil ihrer Familie ums Leben, sie selbst musste jahrelange Zwangsarbeit, Unterernährung und Misshandlung ertragen. Im
Konzentrationslager aber ist sie eine authentische Hoffnungsgeberin, sie tritt für Menschlichkeit und Ehrlichkeit in der Hölle auf Erden ein. Sie hält an Gottes Güte fest, wenn sie beim Morgenappell nicht mehr länger stehen kann, weil ihre Kräfte nachlassen. Nach Ende des Krieges setzt sie sich für Versöhnungs- und Vergebungsarbeit ein, auf der ganzen Welt hält sie Vorträge, die alle die Überschrift „Hoffnung“ tragen. Wenn sie die Hoffnung für die Menschen, für diese Welt, in tiefster Verzweiflung und Angst um sich und andere nicht aufgibt, wieso sollte ich das dann müssen?
Manchmal können nur die trösten, die selbst den größten Verlust erlitten haben. Als die Schwester meiner guten Freundin starb, war ich so entsetzt, dass ich in eine Art innere Schockstarre fiel. Erst, als ich ihre Familie besuchte, kamen die Tränen. Ausgerechnet, als mir die Mutter die Tür öffnete, brach alles aus mir heraus. Da stand ich nun, gekommen, um zu helfen, und musste von der getröstet werden, die ihre Tochter verloren hatte. Das erinnert an die Bibelverse: „Glückselig sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn sie werden Gerechtigkeit erfahren“ und „Glückselig sind die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden.“ Lange dachte ich, es wäre nur eine Verheißung für die, die weinen oder kämpfen müssen. Doch je mehr ich Zeitung lese, je mehr ich versuche zu verstehen und ein bisschen zu helfen, je öfter mein Herz mitleidet an der Ungerechtigkeit der Welt, desto mehr ist dieses Bibelwort auch Trost für mich. Das hier ist nicht aller Gerechtigkeit Ende.

SICH SEIN EIGENES GLÜCK GÖNNEN
Immer, wenn ich glücklich bin und umringt von meinen Besten große Pläne schmiede, schießt mir durch den Kopf, was für ein Privileg das ist. Dann muss ich an all die denken, die weder ihre Leute um sich haben können, noch bunte Pläne schmieden dürfen. Dann hält mich deren Unglück davon ab, in meinem „eigenen“ Glück ganz befreit zu sein. Obwohl es lächerlich ist, bin ich kurz davon genervt. Habe ich denn nie meine Ruhe? Ich erwische mich dabei, eine Lösung für das Leid der Welt finden zu wollen, nur um mein eigenes Glück besser „aushalten“ zu können. Wieso darf ich jeden Abend in mein weiches, großes, sauberes Bettchen kriechen, während dein Bett vor einem Jahr weggebombt wurde? Wieso darf ich mit meiner Familie in den Urlaub fahren, und deine Mutter ist so schwer krank? Manchmal will ich Antworten für dich, damit auch ich beruhigt sein kann. Mein Herz wünscht sich Frieden für dich, damit ich meinen Frieden besser genießen kann. Was für eine doppelte Ironie!

GLÜCKLICH OHNE HAPPY ENDING
Inzwischen weiß auch ich, dass es das Happy Ending hier auf Erden für uns alle nicht geben wird – vor allem nicht für alle auf einmal. „Es ist alles ein Haschen nach Wind“, steht im Prediger. Das Glück ist vergänglich und hoffentlich auch das Leid. Ich kann mich schlecht gegen das wappnen, was noch kommen wird, und das ist auch gar nicht meine Aufgabe. Genausowenig ist es meine Aufgabe, ständig glücklich zu sein. Ich will inzwischen gar nicht mehr herausfinden, wie ich mir meinen Herzensfrieden bestätige, obwohl so viel Schlimmes passiert. Meine Freude über mein jetziges Lebensglück darf und wird immer ein Stück Trauer beinhalten, um das, was wir alle verloren haben. Es darf und wird immer wieder passieren, dass mich ein Bericht in der Zeitung oder die traurige Nachricht eines Freundes völlig zerreißt, während ich gleichzeitig persönlich ganz fröhlich in Österreich Snowboarden bin. Ich weiß: Es bringt den Trauernden nichts, wenn alle anderen auch weinen. Mir ist nur wichtig, aneinander teilzuhaben.
„Es muss doch irgendeine beschissene Hoffnung geben“, schreibt Esther Maria Magnis am Anfang in „Gott braucht dich nicht“. Auch wenn das Buch am Ende noch trauriger endet als es anfing, bleibt das Gefühl zurück, dass sie diese Hoffnung tatsächlich gefunden hat.

UTA ROSA STRÖBEL hat gelernt, ihr Glück auszuhalten – weil sie nicht darauf warten kann, dass irgendwann mal alle gleichzeitig glücklich sind.
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