Sag´ bescheid

Auf zu neuen Ufern

Selbst mit viel gutem Willen hält die beste Zwischenlösung nicht ewig. Faule Kompromisse waren gestern – Zeit, dass sich was ändert. Hier ein paar gute Tipps, damit die Aufbruchsstimmung nicht verhungert.

In Zeitlupe löst sich das Poster von der Tapete, an der ich es mit vier langen Klebestreifen angebracht hatte. „Vier Streifen sind wohl zu wenig“, denke ich und befestige es nun mit acht an der sonst kahlen Wand. Eigentlich wollte ich gar nichts aufhängen, denn aus diesem Zimmer werde ich sowieso bald wieder ausziehen. Als ich aus der Küche zurückkomme, liegt das Plakat schon wieder auf dem Boden. Anstatt mir einen Hammer zu besorgen und es korrekt zu befestigen, nutze ich jetzt unzählige Klebestreifen, was ehrlicherweise nicht zur Ästhetik des Gesamtbildes beiträgt. Noch ein kritischer Blick auf mein Kunstwerk. „Das bleibt vorerst so“, entscheide ich dann.

Ist ja nicht für immer. Lässt sich irgendwie aushalten. Es ist nicht so ganz, was man sich vorstellt. Halbgar und unausgegoren, aber auch nicht partout schlecht! Nein. Schlimmer geht immer. Diese Sätze klingen vertraut. Man wird da schon reinfinden, sei es das Pendeln zur Uni oder der neue absolut nicht sehr vielversprechende Studiengang. Trotzdem verharre ich in dem ungeliebten Job, umklammere die Reste der längst zerbrochenen Beziehung oder beschwere mich lieber über das Singleleben, statt mich mutig der Partnersuche zu stellen.

GANZ ODER GAR NICHT

Von Ferne bewundere ich Ganz-oder-gar-nicht-Menschen. Kompromisslose Leute wie Christopher McCandless – der Junge, der in Alaska in einem Van lebte. Er ging bis ans Äußerste und wird nun nach seinem Tod von Abenteurern und Reisenden als Held vergöttert. Der Film „Into the wild“ bringt seine Geschichte auf die Leinwand. Von der Ganz-oder-gar-nicht-Fraktion sind auch Freunde von mir. Sie wohnen in einer Wohlfühl-WG mit einer guten Kaffeemaschine. Sie machen die Dinge, wie sie wollen, und wenn sie Lust haben, schneiden sie sich einfach einen Pony. Ich bin da anders. Ich liebe Zwischenlösungen. Ich mache gerne Sachen so halb. Jeden Morgen pumpe ich den hinteren Fahrradreifen auf, weil ich keine Lust habe, ihn zu flicken und es ja irgendwie auch so geht. Meine Wohnung ist ein bisschen zu teuer und es tropft durch die Decke. Statt sie zu kündigen, stelle ich bei jedem Regen gewissenhaft Eimer auf, um die Wassermassen aufzufangen. Ja, ich liebe UngefährLösungen und das kann schnell auch gefährlich werden. Statt in meiner alten WG den kaputten Föhn zu entsorgen, wurde er „zwischengelagert“. Das blieb vorerst so. Als meine Nachmieterin ihn entdeckte, vom Föhnfriedhof rettete und wieder benutzte, flogen die Funken aus dem Kabel und er begann zu brennen. Ein unerwartetes Minifeuerwerk.

TRÄUMEN ERLAUBT!

Doch wenn das eine nicht bleiben soll – was soll den Platz des Alten einnehmen? Jede Veränderung braucht eine Vision dessen, in das sich etwas verändern soll. Die richtige Frage wäre also: Welchen Traum verfolge ich? In der therapeutischen Gesprächsführung gibt es die magische Frage: „Was wäre, wenn eine gute Fee dir drei Wünsche erfüllen würde? Woran würdest du am nächsten Tag merken, dass sie da war?“ Stell dir vor, wie es sein könnte. Stolz könntest du von dir sagen, du seist am anderen Ende der Welt, jetzt ein Musiker oder eine Marathonläuferin. Stell dir zuerst vor, wie es wäre, eine neue Sprache zu sprechen („Hablo español! Olé!“). Mit diesem Erfolgserlebnis vor Augen fällt es leichter, die ungeliebten Vokabeln zu pauken. Eine Forschergruppe um den Motivationspsychologen Julius Kuhl an der Universität in Osnabrück hat herausgefunden, wie wichtig diese Vorstellung für die Motivation ist. Er rät, sich gedanklich in Hochstimmung zu versetzen. Was als Idee begann, hilft die Euphorie in die Tat umzusetzen. Die anstehende Arbeit, Planung oder Kündigung fällt leichter. Statt in Gedanken noch den Backpack zu packen, sehe ich mich selbst schon in Australien am Strand liegen.

KAM, SAH UND SIEGTE?

Die Begeisterung hält für die erste Wegstrecke. Nach dem euphorischen Aufbruch folgt jedoch die erste Ernüchterung. Der schnelle Erfolg bleibt aus und ich liebäugle damit, dass der Strand in Italien doch auch ganz nett ist. Hierzu drei Reisetipps, die dabei helfen können, am Ziel anzukommen.

1. Eins nach dem anderen: Viele kleine Schritte machen einen großen Unterschied. Angenommen ich habe mir eine Riesenveränderung vorgenommen. Statt von einem Tag auf den anderen sportlicher zu werden, reicht es sich vorzunehmen, jeden Tag einen Sit-Up zu machen. Ja, nur einen! Das sind dann auf das Jahr gerechnet 365 Sit-Ups. Anstatt in einem Riesenprojekt Gitarre zu lernen, reichen schon ein paar Minuten am Tag. Das Konzept zu diesen kleinen Schritten liefert Stephen Guise in seinem Buch „Mini-Habits“. Beim Warten auf die S-Bahn eine Vokabel zu lernen, schafft jeder. Die werden sich schnell summieren. Ganz von allein. Schnell sind zwei oder drei zusätzlich gelernt – wenn man schon dabei ist. Ein minimaler Aufwand führt zu einem nachhaltigen Ergebnis.

2. Gewohnheiten entwickeln: Gewohnheiten sind genial! Wer regelmäßig joggt, braucht die Schuhe nur anziehen und die Füße rennen wie von alleine die gewohnte Strecke. Man besiegt den Schweinehund nicht – er wird gar nicht erst wach. Dem Gehirn sind die Vorgänge schon bekannt. Es hat die erstmals kleinen neuronalen Verknüpfungspfade zu stabilen Autobahnen ausgebaut. Der Vorgang des Joggens wird automatisiert und wie das Zähneputzen oder Autofahren routiniert durchgeführt.

3. Vorsätze einhalten: Der Erdbeersekt prickelt in den Gläsern. Lautstark donnern Raketen über die Köpfe hinweg und explodieren am Nachthimmel in prächtigen Farben. Es ist die lautstarke Begrüßung des neuen Jahres mit all seinen Veränderungen. Dieses Jahr wird alles anders, Schluss mit faulen Kompromissen! Doch schon am nächsten Tag werden die guten Vorsätze zusammen mit dem Müll aus den Straßen gekehrt. Offensichtlich reichen gute Ziele allein nicht aus. Die Forscher Heckhausen und Gollwitzer beschreiben in ihrem Rubikon-Modell vier Phasen einer Handlung: Abwägen, Planen, Handeln und Bewerten. Wer sich in Geschichte auskennt weiß, dass Caesar 49 v. Chr. mit seinem Heer vor dem italienischen Fluss Rubikon stationiert gewesen war und überlegte, ob er das Römische Reich angreifen sollte. Er entschied sich für einen Angriff, überschritt den Rubikon und es gab kein Zurück mehr. Von ihm ist an dieser Stelle der berühmte Ausspruch „Die Würfel sind gefallen“ überliefert. Auf der Bildebene befinden wir uns an Silvester mit unseren Überlegungen noch auf der sicheren Seite des Rubikons. Von dort aus steht der Sprung ins kalte Wasser an. Die Vorsätze gehören umgesetzt und das geht besonders gut mit einem Trick: Implementierungsabsichten. Ich plane die gewünschte Handlung ganz genau! Schritt für Schritt formuliere ich meine Strategie, mit der ich die Umsetzung erreichen möchte: Wann, wie, wo, was und vor allem Wenn-Dann-Ideen. So erkenne ich Situationen besser, die mir helfen, meine Ziele zu erreichen. Die Wahrscheinlichkeit erhöht sich, dass ich ankomme. Für meinen Umzug würde das bedeuten: Ich überlege mir den Tag der Kündigung und durchdenke kurz die dafür notwendigen Vorgänge. Dann plane ich die WG-Suche möglichst konkret (Montag, 11 Uhr, 15 Minuten, am Küchentisch mit Laptop). Wasserdichter Plan!

WARUM DAS LOSLASSEN SO SCHWERFÄLLT

Trotzdem tut die Kündigung weh. Erklärbar ist dies mit dem Endowment-Effekt: Wir überschätzen den Wert unserer Besitztümer. Gut zu beobachten ist dies auf einem Flohmarkt. Nicht selten findet man dort hohe Preise für abgewetzte Hässlichkeit – getragen, benutzt und ausgedient und trotzdem gefühlt unbezahlbar. Das positive Selbst überträgt sich auf den Besitz. Auch bei verschiedenen Verkaufstricks wird dies berücksichtigt. Nach einer kleinen Probefahrt im neuen Flitzer, steigt der Preis für das Fahrzeug. Der Kunde, der sich in den Polstern schon wie zu Hause fühlt, hat das Auto aufgewertet. Diese Verkaufstechnik nennt sich Low-Ball. Auch ich bewerte meine Schimmelwohnung ohne Heizung deutlich positiver als sie es verdient hätte. Wenn man sich auf die Zehenspitzen stellt, kann man einen Zipfel Meer erhaschen und dieser Seeblick macht sie unbezahlbar. Außerdem sind da noch die umsichtigen Mitbewohner, die mir quasi jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Oh ja, Abschied zu nehmen fällt nicht leicht.

Des Weiteren stellt sich heraus, dass eine Verlustaversion vorliegt – die Tendenz, Verluste höher zu gewichten als Gewinne. Diese Erkenntnis ist Teil der berühmten Prospect-Theorie des Psychologen Daniel Kahnemann und seinem Kollegen Amos Tversky. Sie fanden heraus, dass Menschen sich in Entscheidungssituationen irrational verhalten, wenn Unsicherheiten bestehen. Fünfzig Euro zu gewinnen, löst nicht das gleiche Maß an Freude aus, wie der Verlust von fünfzig Euro zu Ärger führt. Der Mensch ärgert sich also mehr bei einem Verlust und schätzt den neuen Gewinn weniger. Das kann zu völlig irrationalen Entscheidungen führen und beschreibt, warum man lieber an seinem faulen Kompromiss festhält, als ins kalte Wasser zu springen.

NÄGEL MIT KÖPFEN MACHEN

Festhalten am Zwischending – nicht so schlimm, oder? Nein, schlimm ist es ganz sicher nicht. Aber eben auch keine Liebesheirat. Es bleibt eine gewisse Spannung. Die Theorie dazu kommt vom berühmten Sozialpsychologen Leon Festinger. Es ist die Dissonanz, das Unwohlgefühl, die Spannung oder das Reißen in der Brust. Es ist der Kampf von zwei Gedanken, die nicht zueinander passen. Zum Beispiel ein Raucher: Natürlich weiß er, dass Rauchen ungesund ist. Er wird darauf hingewiesen und schon zeigt sich die Anspannung in seinem Gesicht. Ihm wird klar, dass er etwas verändern müsste. Genauso geht es mir in meiner Wohnung. Sie ist eigentlich zu teuer und schimmelt. Es stellt sich Unruhe ein: Ich bin unzufrieden, wenn ich weiter darüber nachdenke. Und trotzdem wohne ich immer noch hier, genauso wie der Raucher weiterraucht. Das Änderungsvorhaben kommt nicht zum Zug. Die Ausreden häufen sich: Erst raucht er nur wenig, dann nur bei Stress – und überhaupt fällt ihm auf: Andere leben mit Glimmstängel auch ganz gut. Weit und breit keine Änderung in Sicht. Das Ruder herumreißen und den Kurs wechseln? Später vielleicht. Lieber erst mal nicht dran denken. Wir lassen uns treiben und ignorieren die dringend notwendige Richtungsänderung. Atomkraftgegner, aber keinen Ökostrom-Vertrag? Da passt was nicht – da müsste sich etwas ändern. Habe ich mir bei meiner Schimmelwohnung auch gedacht. Und Freunde, ich werde umziehen. Und dieses Mal werde ich mich gut einrichten und keine Poster mit Klebestreifen aufhängen, sondern Bilder an Nägeln mit Köpfen!

MIRIAM FINKHÄUSER freut sich nach ihrem Jahr in Spanien über den milden Sommer in Deutschland.

 

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