Sag´ bescheid

Das grosse Kirchenfasten

WARUM DIE MENSCHEN, DIE JESUS LIEBTE, HEUTE AUF DIE KIRCHE VERZICHTEN

WAS WÜRDE GESCHEHEN, WENN ES IN DEN GEMEINDEN KEIN DRINNEN UND DRAUSSEN MEHR GEBEN WÜRDE, SONDERN NUR NOCH DAS MITEINANDER DER GEBROCHENEN AUF DEM WEG IN SEIN REICH?

Es wäre wohl für jeden Gastgeber das Worst-Case-Szenario gewesen: Jesus ist zu Besuch, das Who is Who des Dorfes steht beisammen, als sich „die Sünderin“ von hinten an Jesus heranmacht, sich vor ihm niederkniet, ihre Tränen auf seine Füße fallenlässt und sie mit ihren offenen Haaren trocknet … Der Evangelist Lukas beschreibt diese delikate Szene (Lukas 7,36-38) in erstaunlicher Direktheit. Mich hat diese Begegnung schon als Jugendlicher fasziniert, gerade weil Jesus sich dabei so unglaublich gelassen und gleichzeitig – zumindest in der Wahrnehmung seiner Zeitgenossen – so selbstverständlich anstößig verhält. Und eigentlich kann man die moralischen Bedenken des Gastgebers ja nachvollziehen: Was da zwischen der Prostituierten und Jesus passiert, hat eine unverhohlen erotische Komponente. Ja, diese Szene hat es in sich und sie wird noch skandalöser: Die unbekannte Verehrerin beginnt auch noch, Jesus die Füße zu küssen und mit einem teuren Balsam zu salben. Als ob diese Begegnung nicht inmitten einer illustren Gesellschaft von religiösen Würdenträgern stattfindet, sondern in einem intimen Tête à Tête hinter verschlossenen Türen. Und Jesus lässt es zu …

JESUS BEGEGNEN – UM JEDEN PREIS

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich das blanke Entsetzen auf den Gesichtern der geschockten Pharisäer vorzustellen. Für viele war es wohl der finale Beweis für die totale Verkommenheit dieses angeblichen Rabbiners aus Nazareth, um den sich je länger je mehr der gesellschaftliche Abschaum scharte (z. B. Lukas 15,1ff). Die Begegnung zwischen dieser verachteten Frau und Jesus berührt durch die Entschlossenheit eines Menschen, der ohne Rücksicht auf die möglichen Konsequenzen die Nähe dieses einzigartigen Mannes aus Nazareth sucht. Sie will zu ihm, sie muss ihn sehen, sie will ihm mit ihren Mitteln zeigen, wie sehr sie ihn verehrt, koste es, was es wolle. Dabei bleiben die Beweggründe der Frau für uns im Dunkeln: Wir wissen nicht, was sie, die Geächtete, dazu gebracht hat, ausgerechnet ein Treffen der religiösen Schickeria zu entern und Jesus auf diese spezielle Art ihre Zuneigung zu offenbaren. Gehörte sie zu jenem „Gesindel“, das die Nähe zu Jesus suchte, um ihm zuzuhören? Was genau erzählte Jesus diesen Menschen, zu denen fromme Juden die größtmögliche Distanz wahrten, um durch deren offensichtliches kultisches oder sittliches Versagen nicht selbst verunreinigt zu werden? Wir können aus der intimen Interaktion zwischen der Frau und Jesus nur erahnen, dass sie eine tiefgreifende Erfahrung der Vergebung machen durfte. War es diese liebevolle Annahme, die es der Frau ermöglichte, sich entgegen der alltäglich erlebten Verachtung, so zu sehen, wie Jesus sie ansah – als ein Mensch mit unverlierbarer Würde? In diesem Blick steckt die ganze Anziehungskraft, die Jesus auf die Menschen an den Rändern der damaligen Gesellschaft ausübte.

DIE ANZIEHENDE HEILIGKEIT JESU

Dieselbe Anziehungskraft lässt auch mich nicht los: Jesus galt als Repräsentant des Heiligen schlechthin, diesbezüglich waren sich die sichtbare (Johannes 6,68) und unsichtbare Welt (Lukas 4,34) einig. Das Erstaunliche an dieser Heiligkeit Jesu: Sie strahlte ausgerechnet auf all jene Menschen eine enorme Attraktivität aus, die das Gegenteil des „Heiligen“ verkörperten. Prostituierte, Ehebrecherinnen, Zöllner, die mit den Römern gemeinsame Sache machten, und die große Menge der anderen „Sünder“. Über nichts ärgerten sich die religiösen Eliten seiner Zeit mehr als über den selbstverständlichen und liebevollen Umgang mit jenen Menschen, die als moralisch verkommen galten. „Er frisst und säuft, und seine Freunde sind die Zolleinnehmer und anderes Gesindel!“ (Lukas 7,34) Und diese Verstoßenen und Geächteten spürten die Zuneigung, die er ihnen entgegenbrachte, und die Würde, die er ihnen durch sein Verhalten zusprach. Darum suchten sie seine Nähe und fühlten sich wohl bei ihm.

DIE ABSCHRECKENDE HEILIGKEIT IN DEN KIRCHEN

Und wie ist das bei uns, die wir ja dem Mann aus Nazareth nachfolgen – die wir ja keinen anderen Auftrag haben als denselben, den Jesus von seinem Vater erhalten hat (Johannes 20,21)? Wird auch uns vorgeworfen, dass die mora-lisch Fragwürdigen unsere Freunde sind? Eine rhetorische Frage, leider: natürlich nicht, denn in unseren Gemeinden fehlen jene Menschen, die einen Lebensentwurf jenseits der all-gemein anerkannten christlich-moralischen Grundordnungen leben. Damit kein Missverständnis aufkommt: Mir ist diese Kategorisierung von Menschen aufgrund eines (vermeintlich) moralisch-defizitären Lebenswandels zuwider. Und doch muss ich sie nennen, da viele Christen diese Einschätzung teilen: Prostituierte, Schwule und Lesben, Transvestiten, Zuhälter, Dealer, Menschen mit Suchtproblemen und generell Menschen aus dem Milieu müssen sich ändern, wenn sie Teil der christlichen Gemeinde werden wollen.
Genau diese Haltung der Abgrenzung prägt unsere Gemeinden und sie bestimmt unsere Ausstrahlung als christliche Gemeinschaft. Unser Verständnis von Heiligkeit ist ein moralisches, ob wir dies nun bewusst reflektiert haben oder einfach unbewusst leben. Darin sind wir den Pharisäern des ersten Jahrhunderts erschreckend ähnlich. Doch genau diese moralische Korrektheit, die vor allem das sittlich korrekte Verhalten im Fokus hat, wirkt auf Menschen, die diesen moralischen Anforderungen nicht entsprechen wollen und wohl viel öfters auch nicht entsprechen können, höchst unattraktiv, ja sogar abschreckend. Wir verscheuchen all jene Menschen, die anders leben, mit unseren Predigten, die auf sittliche Korrektheit zielen.
Die Heiligkeit Jesu zog die Menschen an, unsere Gemeindekultur stößt sie ab. Ich frage mich, was ist da schiefgelaufen? Diese Frage beschäftigt mich stark, weil mich die Tatsache schmerzt: Wir werden gerade von den Menschen gemieden, die von Jesus gar nicht genug bekommen konnten. Auf die Frage nach dem Warum habe ich keine abschließende Antwort, aber ich habe einige Fragen, die zu stellen nicht ganz unproblematisch ist. Der ein oder andere wird sie wohl als Zumutung empfinden. Und doch bin ich zutiefst überzeugt, dass wir uns ihnen stellen müssen.

WER BEI PAULUS UND WER BEI JESUS INS REICH GOTTES KOMMT

Ich frage mich, ob unsere Vorstellung von christlicher Nachfolge nicht zu stark vom paulinischen Verständnis der Nachfolge geprägt ist. Für Paulus stand fest: An einem moralisch-sittlichen Lebensvollzug wird gelebte Nachfolge erkennbar. Den Christen in Korinth macht er unmissverständlich klar, dass sie mit ihrer Lebensart die Zukunft aufs Spiel setzen: „Wisst ihr denn nicht, dass Unge-rechte das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht! Wer Unzucht treibt, die nichtigen Götter verehrt, die Ehe bricht, sich gehen lässt, mit Männern schläft, stiehlt, rafft, auch wer trinkt, andere beschimpft oder beraubt, wird das Reich Gottes nicht erben.“ (1. Korinther 6,9-10)
Paulus benennt die Eintrittsbedingungen ins Reich Gottes: Erfüllt die moralischen Standards und haltet euch an die korrekte kultische Verehrung. Aber: Decken sich diese Kriterien mit dem, was Jesus verkündet?
Jesus verurteilt in den Evangelien an keiner einzigen Stelle einen Menschen, der sich moralisch-sittlich unkorrekt verhält. Im Gegenteil, er nimmt die beim Ehebruch ertappte Frau vor der legitimen Strafe des mosaischen Gesetzes in Schutz und fordert sie auf, in Zukunft anders zu leben (vgl. Johannes 8,1-10). Was Jesus dagegen in Rage brachte und was er durchaus hart verurteilte, waren Heuchelei, Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit. Genau dies wirft er ausgerechnet denen vor, die moralisch und sittlich über jeden Zweifel erhaben sein wollen: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel, lasst aber außer Acht, was schwerer wiegt im Gesetz: das Recht, die Barmherzigkeit und die Treue (oder Glaube). Dies aber sollte man tun und jenes nicht lassen.“ (Matthäus 23,23)
Jesus macht klar, was vor allen anderen Geboten das wichtigste Anliegen des Gesetzes ist: das rechte zwischenmenschliche Verhalten. Vor allem die Barmherzigkeit ist sein großes Thema, wie sie sich in alltagspraktischen Gesten und Handlungen zeigt (vgl. Lukas 6,36.37). Dass für Jesus das ethisch-rechte Verhalten zentral ist, wird an einer anderen prominenten Stelle von ihm unterstrichen: In der großen Rede vom Weltgericht lässt er keinen Zweifel daran, wer das Reich Gottes erben wird: „Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, empfangt als Erbe das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet. Ich war krank, und ihr habt euch meiner angenommen. Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.“ (Matthäus 25,34-36)

MENSCHEN MEIDEN DIE KIRCHE – WEGEN IHRER MORAL

Sowohl Jesus als auch Paulus verbinden mit dem Eingang ins Reich Gottes Bedingungen, die zu erfüllen sind, nur könnten sie unterschiedlicher kaum sein: Bei Jesus sind diese verhaltensethischer Natur, während Paulus – wohl aufgrund des Drucks eines weitgehend dekadenten Umfelds, in dem sich die ersten Gemeinden zu behaupten hatten – moralisch-korrektes Verhalten einfordert. Wie aber gehen wir heute mit dieser Spannung um? Wenn meine Beobachtung stimmt und das Zusammenleben von Christen – mehr oder weniger bewusst – von der Orientierung an den moralisch-sittlichen Forderungen geprägt ist, dann müssen wir uns mit den Folgen beschäftigen.
Was passiert, wenn man dem neutestamentlichen Moralkodex die Definitionsmacht zuerkennt zu entscheiden, wer drinnen und wer draußen ist? Führt nicht genau diese Haltung zu einem moralisch anspruchsvollen Heiligkeitsverständnis, das auch bei vielen Menschen in den Gemeinden ein Gefühl des ständigen Ungenügens weckt? Sind wir nicht schlussendlich selbst dafür verantwortlich, wenn unsere Gemeinschaften auf Menschen von außerhalb überfordernd und unattraktiv wirken? Zugespitzt formuliert: Verhindern Sätze wie der aus 1. Korinther 6, dass wir Menschen so selbstverständlich annehmen können, wie das bei Jesus der Fall war? Sind sie für diesen Abwehrreflex verantwortlich, den viele Christen in sich spüren, sobald ein Mensch mit einem Lebensvollzug außerhalb der eigenen, vermeintlich christlichen Moralordnung die Gemeinde betritt? Ja, ich wage zu fragen: Atmen die paulinischen Lasterkataloge wirklich denselben Geist, der uns im urteilsfreien Umgang Jesu mit den „Sündern“ entgegenkommt? Ist die rüde Forderung des Paulus: „Schafft den Bösen weg aus eurer Mitte“ (1. Korinther 5,13) vereinbar mit dem Hirten, der dem selbstverschuldet Verlorenen nachgeht, bis er ihn findet? (Lukas 15,1-7)
Paulus hatte eine alles verändernde Begegnung mit dem auferstandenen Jesus vor Damaskus. Das Kreuz war für ihn fortan so zentral, er konnte gar nicht anders, als seine Theologie darauf zu konzentrieren. Aber wie viel Kenntnis hatte Paulus von den Worten und vom Handeln des irdischen Jesus? Kannte Paulus beispielsweise das Gleichnis vom verlorenen Schaf, in dem Jesus klar macht, dass die Umkehr des Sünders ganz und gar von der bedingungslosen „Suche“, sprich Zuwendung Gottes abhängig ist?
Die überwältigende Mehrheit der Neutestamentler geht davon aus, dass Paulus die Evangelien in der vorliegenden Form gar nicht kennen konnte, weil sie noch nicht verfasst waren. Könnte es also sein, dass der von Paulus wiederholt geforderte moralische Lebensvollzug der Christen wesentlich von seiner pharisäischen Vergangenheit beeinflusst war, weil er den urteilsfreien Zugang Jesu zu den Menschen nicht oder nur unvollständig kannte?

DIE ALTERNATIVE: BARMHERZIGKEIT LEBEN, DEN HEILIGEN GEIST LEITEN LASSEN

Ich frage: Was würde geschehen, wenn wir in den Gemeinden die Blickrichtung änderten und die von Jesus geforderte Barmherzigkeit lebten, wie sie uns der Vater des verlorenen Sohnes so unvergleichlich liebevoll vor Augen führt? Was würde geschehen, wenn wir es als unsere erste Berufung sähen, Menschen einzuladen, Jesus kennenzulernen, an ihn zu glauben und – vor allem anderen – ihn zu lieben? Was würde geschehen, wenn wir wirklich darauf vertrauten, dass der Heilige Geist die Menschen, die in unsere Gemeinden kommen, berühren wird? Könnten wir dann nicht getrost auf das Richten, Verurteilen und Abgrenzen verzichten? Was würde geschehen, wenn es in den Gemeinden kein drinnen und draußen mehr geben würde, sondern nur noch das Miteinander der Gebrochenen – die wir doch alle sind und irgendwie auch immer bleiben – auf dem Weg in sein Reich? Ausgerechnet Paulus, der mit äußerster Härte unmoralisch lebende Personen vom Got-tesreich und der Gemeinde ausschließt, gesteht in Römerbrief: „Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, das treibe ich voran.“ (Römer 7,19) Müsste diese Einsicht in die unheimliche Ohnmacht des Menschen – auch des Christen! – uns nicht alle barmherzig machen?

BIBLISCHE AUTORITÄTEN MÜSSEN SICH AN JESUS MESSEN LASSEN

Ich möchte uns alle ermutigen, den verbreiteten Isolationismus unserer Gemeinden kritisch zu hinterfragen und uns dabei auch unbequeme und ungewohnte Fragen zu stellen. Dazu gehört auch, dass wir zu prüfen wagen, in welcher Spannung die Aussagen der biblischen Autoritäten zu dem stehen, wie Jesus das Evangelium verkündete und vor allem vorlebte. Er allein ist das Maß aller Dinge. Wenn wir uns allein an ihm ausrichten sollen, dürfen auch die Apostel an ihm gemessen werden.
Wenn ich die Gelegenheit hätte, mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit zu gelangen, dann säße ich am liebsten an einem jener Orte, an denen Jesus mit dem „Gesindel“ zusammen war und ihnen erklärte, wie das Gottes-reich funktioniert. Nichts wünsche ich mir mehr, als dass unsere Gemeinden zu solchen Orten werden. Er hat ja versprochen, dass er bei uns ist, jeden Tag bis zum letzten dieser Welt. Eigentlich eine gute Voraussetzung.

MARKUS GIGER ist Theologischer Leiter der reformierten Jugendkirche Zürich, streetchurch, und Gefängnisseelsorger. Er ist verheiratet mit Sibylle und Vater von zwei Teenagern im besten Alter.

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  1. David

    Wow, eine steile These. Paulus gegen die Evangelien. Da hängen natürlich unglaublich viele hermeneutische Vorentscheidungen dran. Aber mir gefällt der Ansatz trotzdem, oder gerade darum. Die Evangelien sagen mir massiv mehr zu als das Corpus Paulinum. Auch hier, wie überall in Leben und Theologie werden wir um eine „creative tension“ doch nicht herumkommen. Anyway, das Mitleben und Mitleiden mit den Marginalisierten stellt für mich eine epistemologische Priorität dar. Aber ich bin noch am Lernen…

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