Sag´ bescheid

Der Ruf der Wildnis

Die Duck Dynasty – eine christliche Familie?

„Sie sind nicht so dumm, wie Sie aussehen!“

Phil Robertson ist ein Exot. Zumindest für deutsche Begriffe. In unserem Land belächeln wir Spießer, meiden Proleten, präsentieren uns selbst als Hipster oder versuchen, in keine Schublade gesteckt zu werden. Was aber sollen wir von einem denken, der sich selbst als „Redneck“ bezeichnet? Sind das nicht die reaktionären und ungebildeten, dem Zeitgeist weit hinterher hinkenden Bauern der amerikanischen Südstaaten? Falls Phil Robertson so einer ist, fragt sich der schlaue Leser zu Recht, warum er dessen Buch zur Hand nehmen soll. Zeit ist kostbar und kann nicht zurückgedreht werden, wird also unter keinen Umständen an rückwärtsgewandte Lebensweisheiten verschwendet. Darum folgt hier eine effiziente, ernsthafte, darf ich sagen deutsche? Auseinandersetzung mit den „goldenen Regeln des Duck Commanders“. Spaß beiseite!

Ein wichtiger Punkt vorweg: Streng genommen reden wir gar nicht über die Biografie eines einzelnen Mannes, sondern über die einer ganzen Familie. Seit Phil Robertson mit 16 Jahren vor den Traualtar trat, musste er Rücksicht auf andere nehmen. Ob als Selbstversorger, Wilderer, Kiffer, Kneipenbesitzer, bußfertiger Fischer oder Hersteller von Entenlockpfeifen: alleine war er nie. Dieser Umstand fördert ehrliche Bekenntnisse und tiefe Erkenntnisse eines Mannes zutage, der zeitweisemehr Krisen ausgelöst als gemeistert hat. Auch seine Söhne – mindestens so wild wie er – kämpften mit dem Alkohol, liebten zu viele Mädchen und rivalisierten miteinander. Doch wenn sich am Ende jeder Folge die „Duck Dynasty“ am Esstisch versammelt, das Tischgebet spricht und gemeinsam eine selbstgekochte Mahlzeit genießt, atmet man auf: Auch wilde Typen in schwierigen Situationen können offensichtlich zu einem füreinander sorgenden Team zusammenwachsen.

„Praktische“ Theologie

Das Oberhaupt dieser Familie bietet uns in seiner Biografie kein Standardrezept für gelingende Beziehungen an. Stattdessen macht er uns hungrig danach. Vor allem ein Missverständnis räumt er aus: Um ein guter Christ, Familienvater und Geschäftsführer zu sein, braucht man nicht zahm zu werden. Seine Bekehrung bewirkte, dass er plötzlich groß träumen und seine Energie in andere Bahnen lenken konnte. Er hing seinen sicheren Job als Lehrer an den Nagel und kehrte der Stadt den Rücken zu. Er zog zurück in die Sümpfe rund um den Mississippi, ging fischen, jagte Enten und versorgte damit seine Familie. Intensives Bibelstudium machte ihn zu einem sehr praktischen Theologen: Sah er, dass sich jemand an seinen Netzen zu schaffen machte, schenkte er den Dieben seineFischvorräte. Damit überwand er das Böse durch das Gute und entwickelte sich zu einem hingegebenen Alltagsmissionar, dessen Geschäfte prächtig liefen.

Kein Wunder, dass dieser Mann seinen Segen weitergeben will. Er ermutigt den Leser und Zuschauer zu weniger Technologie, mehr Zeit in der Natur, genug Bewegung und zu einem erwartungsvollen Abenteuergeist. Das erzählt uns jeder Lehrer – Phil Robertson hingegen führt es praktisch vor und verwandelt dadurch idealistische Tagträume in ein spannendes Experiment.

Von Anna-Maria Fennema


 

Die Robertsons lösen Probleme auf ihre Art!

Im tiefen Süden der USA ticken die Uhren noch anders. In Louisiana, der Heimat der als „Duck Dynasty“ berühmt gewordenen Familie Robertson, sind die Lebensumstände rau und Geschlechterklischees noch lebendig: Die Männer sind bärtig, ungestüm und vertreiben sich die Freizeit auf der Jagd; die Frauen backen Muffins und versuchen das von den Herren verursachte Chaos einzudämmen. Und genau dieses Chaos ist es, was den Reiz der Sendung ausmacht. Denn tief in uns drin sehnen wir uns doch alle nach ein bisschen mehr Leidenschaft, Wildheit und Dreck. Eigentlich scheint der Alltag der Robertsons dem Traum eines jeden Dreizehnjährigen entsprungen: Den ganzen Tag lang durchs Dickicht rennen, Biwaks bauen und sich, mit Moos und Ästen bedecken – bis es abends wieder nach Hause geht und man Mutti erklären muss, wie die Flecken in die gute Kleidung gekommen sind. Auch die oftmals kindlich- naiven Lösungen, mit denen die Probleme des Alltags bestritten werden, erfüllen uns eher mit Freude als mit hochnäsiger Besserwisserei: Biberdämme mit Dynamit zu sprengen, um die lästigen Nager loszuwerden, ist natürlich keine „erwachsene“ Lösung. Aber lustig ist es allemal – und wäre es nicht schön, das Dilemma mit dem überhängenden Apfelbaum aus Nachbars Garten auch so lösen zu können?

Problemlösung auf eigene Art

Zugegeben, es klingen auch ernste Themen in der Sendung an, aber die leichten, absurden und unterhaltsamen Augenblickeüberwiegen glücklicherweise. Es sind Situationen, die uns vorführen und schmackhaft machen, dass nichts daran verkehrt ist, manche Momente des Lebens genau so zu bestreiten: leicht, absurd und unterhaltsam. Anstatt sich spießig und rational zu verhalten, statt zu diskutieren, zu grummeln oder im Stress zu versinken, lösen die Robertsons Probleme auf ihre Art und Weise: Familienmitglieder werden vor wichtigen Entscheidungen mit Donuts bestochen, Langschläfer mit Gewehrsalven geweckt und Sohnemanns Beziehungskisten im großen Familienverband bei der Jagd besprochen.

Im Lichte der bierernsten Lehrplan-Diskussion, die immer wieder durch deutsche Schulen und Medien geistert, ist es einfach befreiend, vor dem Fernseher über die Vertretungsstunde der „Duck Dynasty“ an einer lokalen Grundschule zu lachen. Im Bio-Unterricht erklärt Phil den Kindern anhand eines selbstgefangenen Schauobjektes, wie man eine Ente ausnimmt. Auch nervige Teenage-Melancholie löst sich in Luft auf, wenn man Opa Robertson dabei zuhört, wie er seinem Enkel Nachhilfe in Beziehungssachen gibt. Solange das Mädchen Eichhörnchen kochen kann, soll man sich nicht zu viele Gedanken über ihr Aussehen machen und aufhören zu grübeln, ob sie „die Richtige“ ist. Endlich mal einer, der Hoffnung macht!

Man lacht über die skurrilen Episoden der Robertsons, aber irgendetwas lösen sie auch in einem aus. Vermutlich, dass man sich wünscht, die Welt hier wäre ein bisschen mehr wie am Mississippi, wo man in Zeitlupe und mit Rock’n’Roll-Musik unterlegt fliegenden Enten die Köpfe wegblasen und gleichzeitig ein guter Christ sein kann. Lediglich Vegetarier kommen hier nicht auf ihre Kosten.

Von Johannes Heinemann

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