Sag´ bescheid

„Eine wütende Person ist eine, die sich beteiligt“ – Interview mit William Paul Young, Autor von „Die Hütte“

Interview: Chris Pahl

Ich treffe William Paul Young in einer Leipziger Hotellobby. Schon 15 Tage ist er nonstop auf Tour. Doch er wirkt kein bisschen müde. Wir sind uns noch nie begegnet und er begrüßt mich mit einer beidhändigen langen Umarmung. Sofort sind wir per Du. Ich treffe einen Mann, der beeindruckend in sich ruht und der die Liebe Gottes ausstrahlt. Später bei seiner Lesung wird er von einem christlichen Hardliner angegriffen. Und auch hier bleibt er entspannt und sagt den sich aufregenden Zuschauern „Relax!“. Nach der Lesung kommt sein „Gegner“ auf ihn zu und will weiter diskutieren. Pauls erste Reaktion: Er umarmt ihn mit beiden Armen und flüstert ihm etwas ins Ohr.

 

WARUM IST GOTT IN „DIE HÜTTE“ EINE FRAU?

Ich habe mir die meiste Zeit meines Lebens Gott als männliches Wesen vorgestellt, warum nicht mal als eine Frau? (lacht). Ernsthaft. Für mich, der ich aus einer evangelikalen Tradition komme, ist es vollkommen klar, dass Gott eine weibliche und eine männliche Seite hat. Er ist nicht nur eins von beiden. Gott ist ein männlicher Hirte, bei Jesaja ist er eine stillende Mutter. Bei Habakuk wird Gott als Bärenmutter beschrieben. Die Realität ist, dass all unsere Weiblichkeit und Männlichkeit gegründet ist im Vater, im Sohn und im Heiligen Geist.

IST DAS MÄNNLICHE IN GOTT ÜBERREPRÄSENTIERT?

Wir haben uns so sehr auf die männlichen Eigenschaften Gottes konzentriert, dass wir gewisse Charakterzüge Gottes vernachlässigt haben. Das Wort „Barmherzigkeit“ kommt im Hebräischen von der gleichen Wortwurzel wie „Gebärmutter“. Wir reden also von weiblicher Liebe, wenn wir von göttlicher Gnade reden. Das ist eine starke und kraftvolle Liebe.

Meine größten Verletzungen im Leben kamen von Männern. Ich hatte eine sehr schwierige Geschichte mit meinem Vater, er war krankhaft streng. Mein Bild von Gott war: Jesus liebt mich, aber Gott der Vater richtet mich. Es gab für mich einen Widerspruch zwischen Vater und Sohn. Und ich sehe mir die Welt an und sehe die Tragödien, die Männer auslösen.

Auch der Protagonist in „Die Hütte“ leidet unter seinem leiblichen Vater: Gott kommt deshalb zu ihm in einer Form, in der er es annehmen kann. Gott schlägt ihm eine Brücke zu seiner Liebe. Später muss er sich auch mit den männlichen Anteilen Gottes beschäftigen, aber am Anfang kann er das noch nicht.

Ein Freund von mir arbeitet mit Prostituierten, und der beste Zugangsweg, wie sie Gott erleben, ist: ein Labrador. Weil Frauen sie so verachtet und Männer sie so missbraucht haben, weiß Gott, dass er den Prostituierten seine Liebe nicht in diesem Bild kommunizieren kann. An diese Liebe Gottes glaube ich: Eine Liebe, die mir so begegnet, wie ich es im Moment verstehen kann.

„Ich wollte nicht länger Verwalter meiner Ängste sein.“

WIE SEHR HAT DER ERFOLG VON „DIE HÜTTE“ DEIN LEBEN VERÄNDERT?

Erstaunlich wenig, kann ich sagen. Ich hatte ja nie vor, ein berühmter Schriftsteller zu werden. Alles, was für mich wichtig ist, war schon da, bevor ich das Buch geschrieben habe: Identität, Arbeit, Werte, Sicherheit, Bedeutung, Bestimmung, Begeisterung, Gemeinschaft, Liebe. Ich hatte drei Jobs, wir lebten zu acht in einem sehr kleinen Haus, aber nach vielen Problemen in meinem Leben fühlte ich mich endlich wohl in meiner Haut. Das Buch zu schreiben, war ein Geschenk an meine Kinder. Ein Vorschlag meiner Frau.

Berühmt zu sein, bringt neue Herausforderungen, aber ich hatte schon vor der „Hütte“ gelernt, im Hier und Jetzt der Gnade zu leben. Ich wollte nicht länger Verwalter meiner Ängste sein.

Etwas hat sich aber doch verändert: Ich werde häufiger eingeladen, die heiligen und schmerzhaften Lebensgeschichten der Menschen zu teilen. Ich kann dir nicht sagen, wie wichtig und großartig das ist. Oft ist es hart. Die Menschen tun sich so schlimme Sachen an, deswegen ist der Weg zur Veränderung oft lang und steinig. Aber er ist möglich und heilig.

WIE REAGIERST DU, WENN DU AUF KRITIKER DEINER THEOLOGIE UND DEINER BÜCHER TRIFFST?

Als erstes bin ich mir sicher, dass diese Menschen hier genau richtig sind. Sie sind Teil meiner eigenen Geschichte und ich liebe sie. Wirklich. Ich will sie nicht links liegen lassen.

ABER SIE SAGEN WIRKLICH BÖSE SACHEN ÜBER DICH UND DEINEN GLAUBEN.

Oh ja, das tun sie. Aber ich sag dir eins: Eine wütende Person ist eine, die sich beteiligt. Das ist mir lieber als ambivalente Typen.

Was habe ich denn zu verlieren? Ich bin nicht perfekt. Ich weiß, dass Gott mit mir noch nicht fertig ist. Ich weiß, dass ich auch nicht alle Antworten habe. Wenn Menschen zu mir kommen und mich angreifen, weiß ich, sie bringen ihre eigenen großen Fragen, Enttäuschungen und Ängste mit. Indem sie mich kritisieren, bringen sie ihre eigenen Lebensthemen zum Ausdruck. Und hier kann ich ohne Risiko in die Diskussion gehen. Wenn ich ihnen unterstelle, dass sie mich persönlich angreifen wollen, dann wird es Krieg. Aber es geht um viel mehr.

Sie können am Ende sagen, was sie wollen: Mein Leben spricht stärker. Was sie auch theologisch auffahren: Ich habe Heilung in meinem Leben erlebt, und mein altes Bild von Gott hat nichts dazu beigetragen. All die Süchte, all diese Geheimnisse, all die Katastrophen – das alles habe ich heute nicht mehr. Was soll man dagegen sagen?

„Ich wollte diese Sachen benennen, als ich merkte, dass auch meine eigenen Kinder schräge Gedanken über Gott haben.“

FÜR DEIN NEUES BUCH HAST DU „LÜGEN, DIE WIR ÜBER GOTT GLAUBEN“ GESAMMELT. KLINGT, ALS OB DU DIE CHRISTEN UM DICH HERUM SEHR GENAU BEOBACHTET HAST.

Oh nein, ich habe nicht die anderen beobachtet. Ich habe mich und mein Leben betrachtet. Ich saß mit Freunden zusammen, die Theologen sind, und wir brauchten nur fünf Minuten, um 150 Lügen zu sammeln, die Christen über Gott glauben. Und von denen habe ich 28 ausgewählt, die viele von uns glauben. Ich wollte diese Sachen benennen, als ich merkte, dass auch meine eigenen Kinder schräge Gedanken über Gott haben. Als Vater will ich, dass sie weiterkommen und nicht feststecken, so wie es bei mir so viele Jahre war.

DEINE BÜCHER PROVOZIEREN IMMER WIEDER. MAGST DU DIE PROVOKATION?

Ich schreibe nicht, um zu provozieren, sondern um mir über Sachen bewusst zu werden. Ich war mal in Kroatien auf einer großen Veranstaltung und da stellte ein erfahrener und angesehener Mann diese Frage: „Mister Young, ich habe alle ihre Bücher gelesen. In unserem Land haben wir viele Anführer von Revolutionen gehabt. Sind sie so ein Anführer, sind sie ein Rebell?“ Und ich hatte einen sehr hellen Moment und sagte etwas sehr Schlaues: „Nein, ich bezeichne mich als ein Kind. Und Kinder sind von Natur aus Revolutionäre und Rebellen.“

Ich bin zu einer Zeit aufgewachsen, in der Fragen nicht erlaubt waren. Fragen sind mir gute Freunde geworden. Wenn man dahin kommt, dass Ambivalenz und Geheimnisse dazugehören, dann erst ist man offen für einen Dialog und echte Gespräche.

WENN MAN SICH MIT DEINER BIOGRAFIE BESCHÄFTIGT, DANN GEHÖREN VERLUST, SCHMERZ, MISSBRAUCH ZU DEINEM LEBEN DAZU. WAR DAS ALLES NÖTIG UND WICHTIG, UM SOLCHE BÜCHER ZU SCHREIBEN?

Fakt ist: Wäre mein Leben nicht so verlaufen, hätte ich das alles vermutlich nicht geschrieben. Gott ist so brillant darin, ein zerbrochenes Gefäß zu nehmen und es in ein Ehrenmal der Gnade zu verwandeln. Das ist die Kreativität eines Gottes, der gut ist und in unsere Dunkelheit hinabsteigt. Aber das alles rechtfertigt noch nicht die schlechten Entscheidungen, die Menschen getroffen haben. Ab und an fragen mich Leute: Wenn du wüsstest, was du heute weißt, würdest du zurückgehen und Dinge ändern? Ich sage sofort: Natürlich. Auch wenn es m ich die Hütte kostet und das alles, ich würde zurückgehen und Situationen verändern, in denen ich jemanden verletzt habe. Meine dummen Entscheidungen, meine Ignoranz, meine Lieblosigkeit haben Menschen verletzt. Ich habe gelernt, mit Vergebung zu leben als einem Teil des Trauerprozesses. Das war wichtig für mich, denn Vergebung löst bei uns ganz oft Scham aus. Und Scham ist für viele von uns ein unbewusster Antreiber. Diese dunklen Farben meiner Lebensgeschichte sind eingewoben worden in das Leben anderer Menschen, die das als Licht und Güte empfinden. Ich bin immer wieder so überwältigt, das erleben zu dürfen.

„Eine liebevolle Beziehung beinhaltet unsere Möglichkeit, „Nein“ zu Gott zu sagen.“

DIE FOLGENDE FRAGE KOMMT VON EINER FREUNDIN, DIE DIE HÜTTE GELESEN HAT. SIE WÜRDE SICH SELBST NICHT ALS CHRIST BEZEICHNEN, WAR ABER SEHR BEGEISTERT VON DEINEM BUCH. SIE HAT SELBST VOR KNAPP EINEM JAHR EIN BEHINDERTES KIND ZUR WELT GEBRACHT. IN DEINEM BUCH HAT SIE DIE ANTWORT NICHT FINDEN KÖNNEN AUF DIE FRAGE NACH LEID, FÜR DAS NIEMAND ETWAS KANN. SIE FRAGT SICH UND GOTT: WIESO MUSS MEIN KIND SO LEIDEN? WAS WÜRDEST DU IHR ANTWORTEN?

Das ist eine wichtige Frage. Als ich die Hütte schrieb, war es auch nicht mein Ziel, alle Fragen zu beantworten, sondern ein paar Aspekte des tiefen Schmerzes aufzuzeigen. Denn der Verlust eines Kindes ist ein so schwerer Verlust. Was deine Freundin erlebt, ist hart. Ein Teil der Antwort ist, dass wir Menschen nicht realisieren, wie viel Macht wir haben und wie gewichtig unsere Entscheidungen sind. Nicht nur die Entscheidungen dieser Eltern, sondern auch deren Eltern und der gesamten Menschheit über Jahrhunderte hinweg. Diese Entscheidungen haben Sachen kaputt gemacht: den Planeten, Teile unserer Gene, die Ökologie. Wir haben Sachen erfunden, die unseren Körper kaputt machen. Wenn also zwei Menschen zusammenkommen, um neues Leben zu schenken, dann greift Gott auf ihre Gene und das Erbgut der Familie zu. Er erschafft den neuen Menschen nicht unabhängig davon, sondern nimmt das, was sie mitbringen. Und da gibt es auch die kaputten Sachen in unserem Körper.

Deine Freundin hat keine Schuld, aber sie ist eingewoben in eine kaputte Menschheit. Gott hat beschlossen, das nicht alles zu reparieren. Weil er ein so hohes Bild von uns Menschen hat, dass er das nicht tun wird. Eine liebevolle Beziehung beinhaltet unsere Möglichkeit, „Nein“ zu Gott zu sagen. Nein zur Liebe. Nein zur Güte. Nein zur Heilung. Nein zur Erhaltung des Planeten. All diese Entscheidungen beeinflussen dieses Kind deiner Bekannten.

Eins unserer Enkelkinder ist kurz vor der Geburt gestorben, weil es einen Genfehler hatte. Gott hat keine schnelle Antwort auf so unglaublich tiefe und schwere Fragen. Wir sind zu wunderbar geschaffen für schnelle Lösungen. Aber dieser Gott begleitet uns im Verlust. Er ist mittendrin und erschafft etwas Neues. Würde sie sagen: „Ich wünschte, mein Kind wäre nie geboren?“ Das glaube ich nicht. Sie wird sagen: „Egal wie behindert mein Kind ist, es ist eine Botschaft der Gnade. Es wird mein Leben zum Guten verändern.“

DU HAST SEHR LANGE KEINEN VERLAG FÜR DEIN BUCH GEFUNDEN UND „DIE HÜTTE“ DANN MIT FREUNDEN SELBST VERÖFFENTLICHT. IST DAS EIN WEG, DEN DU NACHWUCHSAUTOREN EMPFEHLEN WÜRDEST?

Frage dich zuerst, warum du schreibst. Wenn du schreibst, um dein Ego zu stärken oder Anerkennung, Identität, Sicherheit zu gewinnen, dann lass es lieber und warte noch ein paar Jahre bis zur ersten Veröffentlichung. Durch das Schreiben gewinnt man an Reife. Ich habe jahrelang Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben und hatte auch nie das Ziel, einen Verlag zu finden. Ich empfehle: Schreib einfach. Organisiere später. Schreibe, was auf deinem Herzen ist, was bei dir oben aufliegt. In diesem Prozess des Schreibens und des Gelesenwerdens von jemandem, dem du wichtig bist, wird dein Schreibstil besser. Klarer und präziser. „Die Hütte“ wurde auf dem Weg immer wieder umgeschrieben. Das war auch für mich nicht immer einfach. Aber du darfst deinen Wert nicht an dem Text festmachen. Wenn jemand einen Verbesserungsvorschlag hat, probiere es aus. Vielleicht wird es besser, vielleicht auch nicht. So entsteht Kreativität. Dein Wert hängt nicht von dem ab, was du tust, sondern wer du bist. Und was du tust, ist nur ein Ausdruck dessen, was du bist.

EIN PASSENDES SCHLUSSWORT. VIELEN DANK, PAUL, FÜR DAS GESPRÄCH!

 

Das Interview führte CHRIS PAHL. Er ist Projektleiter des Christival 2022 und war von der Echtheit und Wärme seines Interviewpartners fasziniert.

Sag´ bescheid

Hinterlasse doch Kommentare  |  0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.