Sag´ bescheid

Gott, mein Leben und ich

LUKAS UND SIMON, IHR STUDIERT BEIDE THEOLOGIE. WIE STEHT IHR ZUM THEMA ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT? BIN ICH FREI, ZU GLAUBEN?

Lukas: Ich persönlich gehe davon aus, dass Gott ein liebender Gott ist, der uns Freiheit lässt und uns Verantwortung überträgt. Aus dieser Liebe heraus gibt er aber auch die Freiheit, diese Verantwortung wahrzunehmen oder abzulehnen. Im Hinblick auf den Glauben heißt das: Gott überfordert uns nicht mit seiner Gnade. Gott steckt uns nicht in so eine Art Gnadenfleischwolf, den er einmal durchdreht und dann kommen wir als Begnadigte unten raus. Ich finde es auch schwierig, wenn gelehrt wird, dass die Gnade etwas ist, gegen das man sich als Mensch kaum wehren kann. Gnade ist etwas Unverfügbares, etwas, das uns als Geschenk zukommt und wir annehmen dürfen.
Simon: Ich finde, man muss eine Sache bedenken. Wenn es dem Menschen wirklich möglich wäre, sich Gott gegenüber „frei und selbstbestimmt“ zu verhalten – egal ob in positiver oder negativer Weise: Würde das nicht den Erlösertod Christi ad absurdum führen? Die Bibel betont immer wieder: Weil Christus für uns gestorben ist, können wir wieder in ein Verhältnis zu Gott treten. Wozu braucht es den Erlösertod noch, wenn uns ja doch die Möglichkeit gegeben ist, uns Gott gegenüber so zu verhalten, wie wir wollen? Ich würde deswegen dagegenhalten: Schon die Tatsache, dass sich der Mensch überhaupt für Gott entscheiden kann, ist ein Akt der Gnade Gottes. Dass der Mensch auf diese Ebene gehoben wird, auf der er „Ja“ sagen kann, ist schon ein Handeln Gottes an ihm. Da ist schon die Frage der Auseinandersetzung ein Teil des Prozesses, in dem Gott wirkt.

DU MEINST ALSO, DASS WIR UNS NICHT FREI FÜR GOTT ENTSCHEIDEN?

Simon: Ja, das w ürde ich so sagen. Für mich hat die Rede davon, dass der Mensch Gott gegenüber frei ist, etwas Provokantes: Dass nämlich der Mensch ein Sein außerhalb Gottes beansprucht. Ich möchte etwas vor Gott sein, etwas ganz Eigenständiges, über das Gott nicht einfach verfügen kann. Diese Vorstellung leuchtet mir nicht ganz ein, weil doch in der Schöpfung die ganze Existenz von Gott abhängt. Das Sein ist abhängig von Gott, ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht.

ALSO SIND WIR MARIONETTEN.

Lukas: Ich sehe das anders. Am Bild der Tür lässt sich das vielleicht ganz gut verdeutlichen, auch wenn es sehr vereinfacht ist. Auf dieser Tür steht geschrieben: „Tritt ein, entscheide dich.“ Und du trittst durch diese Tür, durch deine eigene Entscheidung. So bist du dann in Gottes Herrlichkeit. Du schaust zurück und siehst ein Schild über der Tür, auf dem steht: „Vor Entstehung der Welt erwählt.“ Ich glaube, das sind einfach zwei Perspektiven, die ein und denselben Sachverhalt beschreiben. Das eine ist unsere menschliche Wahrnehmung: „Ich entscheide“, mittels der Freiheit, die ich als Mensch zu haben meine. Das andere ist die Perspektive Gottes: Er weiß natürlich, was wir tun und wie wir uns entscheiden werden.
Simon: Dabei verstehe ich allerdings noch nicht, wie du Prädes – tination und Freiheit zusammenbekommst. Klar kriegst du das mit dem Bild auf eine anschauliche Ebene, aber auch da bleibt die Frage erhalten, ob wir nicht letztendlich Marionetten sind.
Lukas: Da sollten wir uns als Christen auf die Bibel berufen können. Und die zeichnet das Bild einer relativen Freiheit – nicht aber eines absoluten Determinismus, in dem alles vorherbestimmt ist wie in einem Marionettenspiel. Übrigens auch nicht das Bild vom Naturalismus, in dem Gott als Schöpfer alles Leben angestoßen hat und es sich in einem riesigen Dominoeffekt nach genau dieser Vorhersehung entwickelt. Auch das entspricht nicht der Bibel. Als Christ muss ich mich entscheiden, ob ich mein Bild möglichst biblisch herleite und heilsgeschichtlich einordne, oder ob ich mich um ein durch und durch logisches System bemühe.
Simon: Ich denke, genau das ist der Punkt. Gott handelt heilsgeschichtlich mit dieser Welt. Er hat einen Willen für die Welt und dieser bildet auch den Rahmen unseres Lebens. Das Wort „vorherbestimmt“ ist so negativ besetzt, als wirke Gott letzten Endes doch alles aus sich heraus. Gleichzeitig ist Vorherbestimmung das einzige Bild, mit dem ich der Allmacht Gottes und seiner Zielorientiertheit gerecht werde. Es ist sogar ein sehr seelsorgerliches Bild, weil es klar macht, dass es auch keine anderen Mächte gibt, die in dieser Welt nachhaltig etwas durchsetzen können. Nein, Gott ist es, der seinen Willen durchsetzt, vom ersten Moment bis zum letzten.

ALSO TRÄGT DER MENSCH AUCH KEINE VERANTWORTUNG, OB ER ZUM GLAUBEN KOMMT?

Simon: Nein.
Lukas: Doch! Biblisch stehen diese beiden Gottesbilder nebeneinander: Ein Gott, der die Welt aus dem Nichts schafft, vollkommen souverän handelt und über uns Menschen steht. Und zum anderen ein Gott, der von Anfang an dem Menschen eine Verantwortlichkeit zuweist, ihm einen Auftrag in dieser Welt gibt und ihn nicht der vollkommenen Beliebigkeit überlässt. Diese Verantwortung, die Gott dem Menschen überträgt, ist nur dann eine wirkliche Verantwortung, wenn sie innerhalb unserer menschlichen Freiheit geschehen kann. Und dieses Nebeneinander, meine ich, muss man einfach so stehenlassen. Ich darf immer mit dem Eingreifen Gottes und seiner Souveränität rechnen, damit, dass Gott gut ist, er zu seinem Ziel kommt und es gut mit mir meint. Aber ich darf nicht meine Verantwortung abgeben, als wäre ich eine Marionette und mein Handeln gleichgültig. Deshalb nochmal, nein, wir sind keine Marionetten!
Simon: Mir kommt die Idee vom freien Willen manchmal ein bisschen vor wie ein pädagogisches Konzept. Als ob man Angst davor hat, dass die Leute letztendlich wie die Axt im Wald leben, wenn man mit der Lehre vom unfreien Willen Ernst macht. Als ob es das mit der Verantwortung dann gewesen wäre.
Lukas: Aber schau dir mal Philipper 2,13 an, eine klassische Stelle: „Gott wirkt in uns das Wollen und Vollbringen“. Da kann man sagen: Super, da steht’s, Gott macht ja alles, es gibt Prädestination. Aber wenn man dann den Kontext anschaut und mal den Vers davor liest, geht es genau um das Gegenteil: „Schafft euer Heil mit Furcht und Zittern!“ So ein richtig krasser Imperativ, der Aufruf: Mensch, kümmer dich um dein Heil! Und nach diesem Anspruch kommt der Zuspruch: Gott schafft es in dir, du bist nicht alleine, er hilft dir. Aber biblisch ist es nie getrennt.
Simon: Klar, es entspricht ja unserer Wahrnehmung, dass wir selbst Entscheidungen treffen und einen eigenen Weg gehen müssen. Wir können ja gar nicht anders, als das so zu tun. Aber da ist trotzdem immer der Blick hinter den Vorhang und das Wissen, dass in Wahrheit ein ganz anderer die Strippen zieht und den Heilsplan ablaufen lässt. Der Mensch ist so hineingenommen, wie er nur hi neingenommen sein kann, nämlich, dass der Schöpfer durch den Menschen hindurch schafft und durch ihn seinen Heilsplan realisiert. Aber immer als ein Schöpfungsakt des Schöpfers. Ich stimme dir ganz zu Lukas: Das Evangelium verkündet, dass wir frei sind. Diese Freiheit heißt, dass wir „uns selbst gemäß“ leben dürfen. Und im Evangelium heißt es, dass diese Freiheit immer nur in der Gottesbeziehung ganz erfüllt sein kann. Nur dort lebe ich wirklich frei, weil ich mir bewusst bin, dass letztendlich alles von Gott abhängig ist. Eine andere Freiheit gibt es für den Menschen nicht. Eine andere Freiheit wäre Selbstverleugnung. Dann müsste sich der Mensch gegen sich selbst entscheiden.

UND WAS BEDEUTET DAS FÜR UNSERALLTÄGLICHES LEBEN?

Simon: Nehmen wir einmal das klassische Beispiel: Wen heirate ich? Wenn es nun eine Welt gibt, in der alles einem Masterplan gehorcht, muss ich natürlich auch den einen Partner finden, der der Richtige ist. Ich aber glaube: Wenn Gott derjenige ist, der alles wirkt, und wenn die Gottesbeziehung tatsächlich das ist, wodurch der Mensch am meisten Freiheit erfährt, dann ist auch die Wahl des Partners, der mir selbst am meisten entspricht, eine Entscheidung der Freiheit, die Gott wirkt. Deswegen kann man sich da wirklich entspannen und so ein bisschen dieses „Was wäre, wenn …“ sein lassen. Weil es eben nur eine Sache geben kann, die real wird, und das ist die, die Gott auch irgendwie für gut befunden hat.
Lukas: Ich würde da einen anderen Ansatz wählen: Wirkliche Freiheit ist, sich maximal abhängig von Gott zu machen. In der Abhängigkeit von Gott fühle ich mich wirklich frei. Weil ich dann merke, meine Last, meine Sorgen, die Dinge, die mich beschäftigen, die kann ich an ihn abgeben. Natürlich bin ich dafür verantwortlich, muss ich handeln, muss ich mich entscheiden, aber ich muss diese Last nicht tragen, sondern kann sie IHN tragen lassen und mir sicher sein, dass er die Hand über allem hat.

VIELEN DANK EUCH BEIDEN FÜR DAS GESPRÄCH.

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