Sag´ bescheid

Irre großzügig und maßlos glücklich

Liebe vergeht, Hektar besteht? Eine großzügige Herzenshaltung ist der Kitt, der  Gemeinschaften zusammenschweißt. Eine Tugend, die es lohnt hochzuhalten

Ich habe eine Freundin, die ist überschwänglich und maßlos. Sie ruft schneller „hurra“ als sie überlegen kann. Ein emotionaler Mensch. Ich schätze das an ihr. Sie ist einer der großzügigsten Menschen, die ich kenne. Im Geben schneller als ihr Schatten. Naja, fast. Einmal sammelten wir Geld für einen jungen Venezolaner, der Retoure in sein Land geschickt wurde, das Flugticket aber nicht bezahlen konnte. Ich flüsterte es meiner Freundin in der Univorlesung zu, warum, weiß ich nicht mehr. Sie überlegte nicht mal. Drückte mir fünfzig Euro in die Hand. Ich meine, sie kannte den jungen Mann nicht einmal. Für meine Schwiegermutter in Lateinamerika, deren Herzklappe nicht mehr einwandfrei funktioniert, überwies sie neulich einen Betrag, einfach so und ohne große Worte. Sicher hat sie jetzt mehr Ausgaben für Medikamente, kommentierte sie ihre Geste. Es war ihr großzügiges Herz, das da sprach. Das Herz sprechen lassen, das kann mein Mann auch gut. Er vergisst gerne mal, dass er jemandem Geld geliehen hat. Im Restaurant lasse ich lieber ihn das Trinkgeld geben. Er ist großzügiger. Ich bin da anders – kalkulierender. Denke gerne mal zu viel über Dinge nach. Solange, bis der Zug abgefahren ist. Aber ich arbeite an mir. Ich lerne langsam, mit dem Herzen zu geben. Aus der Freude heraus, jemand anderen zu beschenken. Sei es mit liebevollen Worten, praktischer Hilfe oder auch mal finanziell.

ZU VIELE FRAGEN SCHADEN DER GROSSZÜGIGKEIT
Manchmal reicht es einfach, andere Menschen glücklich machen zu wollen. Wir müssen nicht jeden großzügigen Impuls sezieren wie eine Forelle im Biologieunterricht. Der Verstand konfrontiert uns mit vielen Fragen: Wird die Person es zu schätzen wissen, wenn ich ihr helfe? Weiß sie überhaupt, was das für ein Opfer bedeutet? Ist es vielleicht zu viel des Guten? Verschenkte Zeit? Wären die Ressourcen woanders besser aufgehoben? Habe ich selbst noch genug? Aber wie viel ist das überhaupt, genug? Man kann sich in diesen Fragen verlieren wie in einem ver-worrenen Labyrinth. „Wirf dein Brot hin aufs Wasser! Denn nach einiger Zeit wird es wieder zu dir zurückkommen“, heißt es im Buch Prediger. Es ist kein Spruch, der es in die Schulbücher der Betriebswirtschaftslehre geschafft hat. Ziemlich unlogisch, das Prinzip, und eine wackelige Angelegenheit, im wahrsten Sinne des Wortes. Für den Verstand nicht eingängig. Und das ist okay. Der Verstand denkt in Spendenprüfsiegeln und Qualitätszertifikaten, er wägt ab und prüft. Es ist gut, wenn wir mit unseren Gedanken zu einem sinnvollen Ergebnis kommen. Oder uns das Gespräch mit weisen Menschen hilft. Es ist hilfreich, mit Ressourcen hauszuhalten und seine Grenzen zu kennen. Besonders dann, wenn Menschen unsere Gutmütigkeit missbrauchen. Und so mancher Wohlstandsprediger fordert uns auf, die Taschen auf dem Altar zu leeren, bis nichts mehr übrigbleibt, weil ich angeblich desto mehr zurückbekomme, je mehr ich gebe. Sie haben Gott da in ein Schema gepresst, das ihnen gefällt.

DAS SCHEMA F DURCHBRECHEN
Wir müssen vernünftig sein. Das wurde uns von Kindesbei-nen an eingeimpft. Das Auto zu verleihen ist unvernünftig. Es könnte zu Schaden kommen. Dann wäre die KFZ-Versicherung teurer. Überleg doch mal! Zeit zu schenken ist unvernünftig. Was ich in der Zeit alles erledigen könnte! Gäste zu haben ist unvernünftig. Das Geld ließe sich für den nächsten Urlaub sparen. Doch wer definiert, was vernünftig ist? So vieles, das sich als Vernunft tarnt, ist in Wirklichkeit nur unsere verschleierte Angst, zu kurz zu kommen. Ein desorientiertes Bedürfnis nach Sicherheit. Geben ohne Berechnung. Die Großzügigkeit, über Fehler des anderen wegzusehen. Auf etwas zu verzichten, das wir gerne für uns haben wollten. Das verlangt uns ab, über unseren Schatten zu springen. Mal Schema F beiseite zu legen. 10.000 Dollar in kleinen Scheinen und Münzen ließ Shane Claiborne, amerikanischer Buchautor und Apostel für soziale Gerechtigkeit, vor einigen Jahren über die Wall Street flattern. Ein Geschenk an die Passanten. Mehr als das war es ein politisches Statement: Großzügigkeit statt Gier. Ziemlich verrückt! Hätte er zwanzig Dollar verschenkt, wäre die Aussage im Winde verweht.

WIR SIND REICHER ALS WIR DENKEN
In Sachen Großzügigkeit haftet den Deutschen manchmal ein schlechter Ruf an. Allgemein gesprochen sind wir aber ein geberfreundliches Land. Das erklärt Steve Volke, Leiter des deutschen Arbeitszweigs des Kinderhilfswerks Compassion. „Die Deutschen gehören zu den Spenden-Weltmeistern. Als vor einigen Jahren der Tsunami in Asien gewütet hat, waren die Deutschen ganz vorne bei der Hilfsbereitschaft. Deutschland hat es geschafft, ein geteiltes Land wirtschaftlich zu einer Einheit zurückzuführen. Dafür waren wir bereit, Solidaritätszuschläge zu bezahlen. Wir sind großzügig bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Ich glaube, Menschen in Deutschland sind großzügiger, als es vielleicht auf den ersten Blick den Anschein hat. Trotzdem sind wir so reich, dass noch mehr möglich wäre und wir unseren Herzen noch mehr Großzügigkeit antrainieren können.“ Zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland besitzt mehr als 50 Prozent des deutschen Nettovermögens. Das ist ziemlich viel vom Kuchen auf sehr wenige Menschen verteilt. Global gesehen ist die soziale Schere noch drastischer: Laut einer Oxfam-Studie besitzen die acht reichsten Menschen der Welt mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. Mehr als dreieinhalb Milliarden Menschen. Nicht jeder ist da so spendabel wie der Microsoft-Gründer Bill Gates. In manch elitärem Kreis gilt es als schick, Geld in Briefkastenfirmen anzulegen, um das ein oder andere Milliönchen vor den unliebsamen Behörden (oder der unliebsamen Ehegattin) zu verbergen. Es gibt eine soziale Schlucht, die viele aus eigener Kraft nicht werden überwinden können. „Wir stehen in der Gefahr, unseren Reichtum als Verdienst zu sehen und nicht zu bedenken, dass es so vielen Menschen auf der Erde richtig schlecht geht“, sagt Steve Volke. Dabei machen uns meist die Armen vor, wie es geht, anderen unter die Arme zu greifen. „Das Interessante ist, dass oft diejenigen am großzügigsten sind, die am wenigsten haben“, so Volke. „Ich erinnere mich an eine Gruppe Kinder in Tansania, wo das Kind, das einen Lutscher geschenkt bekam, den erst mal auf einer Tischkante in Splitter zerschlagen hat, um seinen Freunden etwas abgeben zu können. Das nenne ich eine Grundhaltung der Großzügigkeit. Etwas nicht nur für sich selbst behalten und zu genießen, sondern an die anderen zu denken. Auch wenn jeder nur einen Splitter erhält, hat jeder etwas Süßes bekommen.“

UBUNTU – GROSSZÜGIGKEIT ALS LEBENSSTIL
Überhaupt, die Gemeinschaft. Sie ist der Ackerboden, auf dem wir Großzügigkeit aussäen und erproben können, was wächst und gedeiht. „Helft euch gegenseitig bei euren Schwierigkeiten und Problemen, so erfüllt ihr das Gesetz, das wir von Christus haben. Wer sich für wichtiger hält als die anderen, betrügt sich selbst“, schreibt Paulus im Galaterbrief. In der Gemeinschaft wird deutlich, dass ein großzügiges Herz nicht in Geld zu messen ist. Hier wird angepackt, wo es nötig ist. Geliebt, wo andere verurteilen. Eingeladen, wo sonst ausgeschlossen wird. Es geht darum, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen. In der tiefen Gewissheit, dass ich nicht zu kurz kommen kann, weil Gott für mich sorgt. Dann geht es nicht mehr darum, wer seine Story am besten erzählt und die Gefühle am tiefsten berührt. Dann helfe ich und packe an, einfach, weil das die Gemeinschaft zusammenschweißt. Die Freude, die so entsteht, lässt sich nicht in Zahlen messen. Die Buchautorin Elke Naters hat in Südafrika gemeinsam mit ihrem Mann zum christlichen Glauben gefunden. „Wir aber haben in Afrika gelernt, dass das Evangelium die unterschiedlichsten Menschen in einer Familie zusammenbringt, denn die Stärke des Glaubens liegt im Ubuntu, wie die Xhosa den bedingungslosen Zusammenhalt der Gemeinschaft nennen. Die Europäer kennen dafür zwar das Wort Kirche. Nur dass ihnen seine radikale frühchristliche Bedeutung verloren gegangen ist“, erzählt sie. „Geschichten übermenschlicher Liebe sind in Südafrika an der Tagesordnung. Immer geht es um Vergebung, Nächstenliebe, Ermutigung, Gemeinschaft. Hier hat der christliche Glaube noch eine soziale Kraft. Keine sprengende, sondern eine vereinende.“ Je mehr wir unser Gegenüber und die Sache sehen lernen, desto mehr verblasst unsere eigene Eitelkeit. Denn dort, wo wirklich Not am Mann ist, wirken unsere kleinen Sorgen geradezu lächerlich, ist jeder Narzissmus fehl am Platz. Es gibt viele Menschen, die das längst mit einer großen Selbstverständlichkeit umsetzen. Helfen, wo sie gebraucht werden, geben ohne Applaus und großes Tamtam. Weil es ihnen ein Herzensanliegen ist. Deutsche Ärzte, die nach humanitären Katastrophen wie dem Erdbeben in Haiti 2010 ihren Urlaub opfern, um größeres Elend abzuwenden. Moderne Helden wie die Organisation der Weißhelme in Syrien, die nach Luftschlägen ausziehen und Menschen bergen. Sie opfern Zeit und Energie, die sie in ihre Familien investieren könnten. Man muss das nicht verste-hen, dass sie ihr Leben für andere riskieren. Doch was wäre unsere Welt nur ohne diese Herzensmenschen?

JULIA MONGE DUARTE ist mit einem Südamerikaner verheiratet – und geht deshalb auch kulturell durch die Großzügigkeitsschule.

Sag´ bescheid

Hinterlasse doch Kommentare  |  0

Kommentar verfassen