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Klischee-Christ

Julia Meister studiert Theologie. Das prädestiniert sie für ein paar ganz hässliche Klischees. Aber hey – es gibt Schlimmeres.

„Wer will schon aus freien Stücken mit einer Wahrnehmungsverzerrung leben?“

Mein elftes Schuljahr verbrachte ich an einer amerikanischen Highschool. Mit wenigen Ausnahmen kam ich jeden Morgen zu spät zum Matheunterricht. Mein Mathelehrer wäre fast an mir verzweifelt: „But, Julia, all Germans are on time.“ Deutsch und pünktlich – in seinem Kopf waren das Synonyme. Ich bin der schlagende Beweis dafür, dass Klischees nicht immer funktionieren. Wochenlang nervte mich mein Mathelehrer mit Vorstellungen, die weit an meiner Charakterstruktur vorbeigingen. Wer weiß, welche Klischees er noch alles über „Deutsche“ mit sich rumtrug. Ich war die pure Enttäuschung.

Das ist das Gefährliche an Klischees: Sie sind so hartnäckig. Natürlich gibt es auch Klischees, über die wir schmunzeln können, andere machen uns regelrecht Angst. Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden. Angst, ich könnte mich falsch verhalten und Erwartungen nicht erfüllen, ein schlechtes Bild abgeben. Das sind dann meist diejenigen Klischees, die einen empfindlichen Teil unserer Persönlichkeit betreffen. Gerade als Christ kenne ich das nur zu gut. Man trifft neue Leute, kommt ins Gespräch und landet irgendwann – ich studiere Theologie, da geht es meist schnell – beim Thema Glauben. „Ach, du bist Christ? Gehst du jeden Sonntag in die Kirche? Dann hast du sicherlich nicht so viel Spaß im Leben, oder?“ Nein, natürlich nicht. Ist ne schlimme Sache, dieses Leben. Zum Glück gibt es Sonntage. Darf ich mich ärgern, wenn ich in ein Muster gepresst werde? Muss ich mich verteidigen? Lassen sich Klischees vermeiden? Und wie kann ich auch in solchen Situationen ein guter Nachfolger sein? Keine Sorge – ich werde hier keine Weicheierdebatte anzetteln und die Opferkeule rausholen. Wir sind als Christen nicht die einzigen, die mit Klischees kämpfen. Klischees sind allgegenwärtig – und gar nicht mal immer schlecht. Aber fangen wir vorne an.

Klischee als Stressreduktion
Ursprünglich kommt das Wort Klischee aus dem Buchdruck und bezeichnet ein Verfahren, anhand dessen schnell Abzüge einer Seite erstellt werden können. Heute gebrauchen wir den Ausdruck im Sinne eines billigen Abklatsches für bestimmte Merkmale einer Gruppe, die sich stetig wiederholen. Und hartnäckig halten, auch wenn wir wissen, wie weit unsere Vorstellung von der Wirklichkeit abweicht. Dass nicht alle Deutschen pünktlich sind, weiß doch eigentlich jedes Kind, spätestens jedoch derjenige, der einmal eine Vorlesung an einer deutschen Uni besucht hat und mitgezählt hat, wie oft nach Vorlesungsbeginn die Tür doch noch auf geht und ein verschlafener Student hereinschlappt. Oder ist das auch schon wieder ein Klischee? Psychologisch gesehen ist es sogar notwendig, dass wir in Klischees denken. Unser Gehirn verarbeitet Wahrnehmungen und ordnet sie in Schemata. Dadurch wird der Strom der Informationen, die auf das Gehirn treffen, auf bekannte Strukturen reduziert. Um es uns leichter zu machen, orientieren wir uns dabei an gängigen Meinungen, die andere uns vorgeben, oder an Erfahrungen, die wir vielleicht auch selbst schon gemacht haben. Dieses Denkverfahren, in der Psychologie nennt man es Urteilsheuristik, ist eigentlich eine Verzerrung unserer Wahrnehmung. Dennoch ist es durchaus eine sehr praktische Eigenschaft unseres Gehirns. So können wir auch anhand weniger Informationen schnell unbewusste Entscheidungen treffen oder Einschätzungen vornehmen. Das hilft vor allem in unbekannten Situationen, die beispielhaft an vorher Erlebtes erinnern lassen, und vereinfacht so maßgeblich unseren Alltag. Wir müssen nicht jede Situation und Begegnung neu analysieren und bewerten. Auch Stress und Müdigkeit können wir so gut meistern. In der Regel ermöglicht dieses Verfahren treffsichere Urteile. Schwierig wird es allerdings dann, wenn unser Gehirn die Wahrnehmung so stark verzerrt, dass es von vorneherein nur ein bestimmtes Ergebnis zulässt. Dann zum Beispiel, wenn wir unsere Wahrnehmung zu sehr durch die Brille unserer Erwartungen filtern. Eindrücke, die unserer Erwartung widersprechen, werden unbewusst ausgeblendet und kommen so gar nicht zu Wort. Oder wenn wir das Verhalten anderer vorschnell an der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sozialgruppe festmachen. Dadurch entstehen Vorurteile, die häufig schwer zu überwinden sind. Genau das macht Klischees so nervig. Dass sie sich so hartnäckig halten. Wer will schon aus freien Stücken mit einer Wahrnehmungsverzerrung leben oder verzerrt wahrgenommen werden? Ist die Welt am Ende ein einziges großes Missverständnis, resultierend aus negativen Vorerfahrungen anderer?

Was ist dran an den Vorurteilen?
Wenn Klischees entstehen, weil unser Gehirn strukturierend arbeitet und wir so möglichst viel von der Welt um uns herum aufnehmen können, dann besteht der Kampf gegen sie in unserer Bewusstseinsleistung. Dann nämlich, wenn eine Sache oder eine Person besondere Aufmerksamkeit hervorruft, wird mein Denkvorgang zu einem bewussten und somit von mir steuerbarem Prozess: Welche Klischees haben sich in meiner Erfahrung bestätigt? Wie sortiere ich andere und vor allem, wie sortiere ich sie nicht in Schubladen? Und umgekehrt: Wie verhalte ich mich und wie werde ich von anderen wahrgenommen? Mit welchen Klischees bin ich konfrontiert?

Da zeigt sich auch die andere Seite der Medaille: Klischees kommen nicht von ungefähr. Wenn da nichts dran wäre, würden sie nicht funktionieren. Jedes Klischee ist nur so gut wie die Wirklichkeit, die es beschreibt. Darin liegt die Chance, sich von dem echten Leben überraschen zu lassen. Alle Christen sind engstirnig? Keine Ahnung, find es raus. Leben alle Schwulen in wechselnden Beziehungen? Echt? Und ist Rosa wirklich die Lieblingsfarbe vierjähriger Mädchen?

„Dort, wo wir das Klischeedenken über Christen verändern, korrigieren wir auch das Bild, das sich andere von Jesus gemacht haben.“

Gerade als Christ befinde ich mich da in einer prekären Situation. Ja, ich bin Christ. Das ist mehr als eine bloße Feststellung, weil es mein ganzes Wesen prägt, meine Identität. Gott hat mich als sein Abbild und Nachfolger berufen und als solcher möchte ich auch wahrgenommen werden. Schaut her – hier steckt Jesus drin. Andererseits fuchst mich das Klischee des netten Spießer-Christen umso mehr, weil ich nicht für mich selbst stehe. Ich schiebe alles so weit wie möglich von mir weg, was nicht zu Jesus passt. Andererseits ist da Selbstkritik gefragt: Erleben uns Kommilitonen beim Motzen oder beim engagierten Einsatz für eine bessere Welt? Verändern können wir dieses Denken, wenn wir aus dem geprägten Rahmen treten. Wer einmal einen Christen erleben durfte, der überraschend anders war, ändert sein Bild vom netten Christen gerne in „engagierter Christ“. Wir sind mitverantwortlich, welche Klischees sich halten und welche nicht, indem wir uns wahrnehmbar machen – also deutlich Position beziehen und mit der Absicht hinter unserem Lebensstil nicht hinterm Berg halten.

Beruhigend zu wissen, dass Gott uns in dem ganzen Wahrnehmungswirrwarr nicht alleine lässt. Gott hat uns seinen Heiligen Geist gegeben, der uns hilft, mehr und mehr zum Abbild Jesu zu werden. Dabei geht es nicht darum, ein billiges Klischee von ihm zu leben, sondern sein Wesen zu verkörpern. Er spricht von Verwandlung. Und dort, wo wir das Klischeedenken über Christen verändern, korrigieren wir auch das Bild, das sich andere von Jesus gemacht haben. Eine Win-Win-Win-Situation.

Gleichzeitig heißt das nicht, dass wir krampfhaft am Bild des perfekten Jesus-Nachfolgers arbeiten müssen. Auch das Klischee „Christen machen immer alles richtig“ hält sich wacker. Es schreckt leider nicht nur viel zu oft Menschen vom Glauben ab, sondern kann genauso einen unglaublichen Druck auf uns selber ausüben. Und wer sich zu viel um sein Image sorgt, vergisst zu leben. Abbilder Jesu können wir da sein, wo wir ehrlich anderen gegenüber sind und nicht verheimlichen, wo auch wir unsere Schwierigkeiten in der Nachfolge haben. Damit treten wir aus der Masse und werden Individuen, jeder mit seinen eigenen Schwächen und Gaben, die dennoch dem „großen Ganzen“ nachstreben, ein Abbild Jesu zu sein. Niemand verlangt, dass wir eine Rolle ausfüllen müssen, die andere an uns herantragen. Auch Gott nicht. Sein Angebot: uns zu verwandeln, Schritt für Schritt, in ein Bild, das ihn repräsentiert. An manchen Tagen gebe ich ein sehr getreues, an anderen Tagen eher ein trauriges Christenbild ab. Letztlich entscheidet aber nicht das Klischee, wie ich mich zu verhalten habe, sondern mein Verhalten, welche Klischees auf lange Sicht noch haltbar sind. Das befreit mich dazu, auf das ein oder andere Klischee, das andere an mich herantragen, auch mal mit Augenzwinkern zu reagieren.

So wie auf meinen Mathelehrer. Sein Schubladendenken habe ich kräftig durcheinandergebracht. Aber nachdem er eingesehen hatte, dass meine Kämpfe mit dem Wecker am Morgen genauso zu meiner Persönlichkeit gehören wie mein Deutschsein, haben wir uns erstaunlich gut verstanden.

Text: Julia Meister mag Klischees, durch die Jesus hindurchschimmert.
Foto: Isabela Pacini

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  1. Franzi

    Es kann genauso auch zum Druck werden nicht dem Klischee entsprechen zu wollen. Habe mich in den letzten Jahren manchmal wonl auch ein Stückchen selbst verleugnet, einfach aus Angst in einer Schublade zu landen.
    Das Ziel sollte sein, sich nicht von irgendwelchen klischees oder Schubladen (manchmal vielleicht auch von den typischen christlichen Vorbildern, die einem teilweise charakterlich so überhaupt nicht ähneln)irritieren zu lassen und anstattdessen das von Gott Gegebe -sei es die Begabung zur Kritik und Direktheit oder die der NATÜRLICHEN Freundlichkeit- an der richtigen Stelle einzusetzen und das beste draus zu machen. Dazu zu stehen eine ECHTE Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen zu sein Selbstkritik ,“von anderen Lernen wollen“->z.B. durch beobachten oder offen sein für kritik, ist angemessen, solange wir dabei nicht das eigentlich Ziel aus den Augen verlieren und die Perfektionierung der Persönlichkeit vor unserer eigentlichen Mission steht. Je ehrlicher und echter (also keine Fassade!!!)uns unsere Umwelt erlebt umso versöhnter werden wir irgendwannmal mit uns selbst sein und umso attraktiver und glaubwürdiger wird dann das, was wir erzählen. Da ist es dann auch nicht mehr wichtig, ob du das liebe nette Mädchen bist, das allen gerne hilft,keine brutalen Filme anschauen kann ,Regenwürmer über die Straße trägt und dafür belächelt wird oder eher ein cooler Draufgänger, der nen riesigen Freundeskreis hat, ein begnadeter Entertainer ist aber manchmal vllt auch zur Oberflächlichkeit neigt. Sei einfach du selbt und richte dein Herz nach Jesus aus! Das ist alles,was er von dir will. Zumindest versteh ich das so. Andere Erfahrungen, Meinungen?

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