Sag´ bescheid

Le star, c’est moi

DAS POP-ORATORIUM „LUTHER“– VON 1 AUF 2.800 IN VIER PROBEN

Ein Projektchor soll ein ganzes Pop-Oratorium bühnentauglich präsentieren – in nur vier Proben über ein halbes Jahr verteilt. Das klingt spektakulär. Uns kann keiner erzählen, dass die alle singen können. Zum Beweis schicken wir unsere Volontärin hin: Geht sie als Sängerin durch?

Applaus brandet auf. Noch gilt er nicht uns, sondern den Dirigenten, die auf ihre Position schreiten. Das Licht verlischt, mein Herz hämmert gegen den Brustkorb. It’s crunch time. Aus riesigen Boxentürmen ertönt das Intro. Noch zwei Takte, noch einer, dann setzen wir ein: L – U – T – H – E – R.  Es funktioniert tatsächlich. Der Chor der 2.800 Stimmen kommt ins Rollen. Monate an Vorbereitung und Übung werden sich jetzt beweisen.

Das Pop-Oratorium „Luther“ ist nach „Die 10 Gebote“ das zweite Mitsingprojekt aus der Feder von Michael Kunze und Dieter Falk. Ensemble, Band und Sinfonie-Orchester inszenieren gemeinsam mit einem Projektchor die Ereignisse um den Mönch Martin Luther vor dem Reichstag in Worms. Als Star der Vorstellung gilt der Projektchor aus mehreren tausend Sängern, der sich für jeden der neun Veranstaltungsorte neu zusammensetzt. In Düsseldorf zählt er an der Aufführung im Februar 2017 schließlich 2.820 Köpfe. Am Reformationstag 2017 in Berlin wird er laut Veranstalter, der „Stiftung Creative Kirche“, fast doppelt so groß sein.

Um in einem der Projektchöre mitsingen zu können, ist keine Voraussetzung notwendig. Frei nach dem Motto: Jeder kann mitsingen, der Spaß dran hat und bereit ist, dafür einen Teilnehmerbeitrag von 50 Euro zu bezahlen – inklusive der Kosten für ein eigenes Notenbuch. Anmelden können sich einzelne Sänger sowie ganze Chöre.

ICH HAB’ EIN KNALLROTES NOTENBUCH
Und das funktioniert? Mehrere tausend Stimmen in vier Proben fit für eine Aufführung zu machen? Ich möchte wissen, wie das gehen kann. Ich melde mich an – als Einzelsängerin im Alt. Für regelmäßige Proben muss ich eigenverantwortlich sorgen. Mein ganz persönliches, rotes Hochglanz-Notenbuch erreicht mich ein paar Tage später in einem großen braunen Luftpolsterumschlag – zusammen mit einer CD mit der Aufnahme der Alt-Stimme und einer Einladung zu meiner ersten Gesamtprobe Mitte September. Ich habe also noch genügend Zeit, um die Noten meiner Stimme zu lernen. Die CD überspiele ich auf mein Handy und höre hin und wieder in die einzelnen Tracks. Eine männliche Stimme sagt Liednummer und Takt an und schon singt ein Chor die Melodie der Altstimme vor. Die übrigen Stimmen sind leise im Hintergrund zu hören. Wenn man die Augen schließt, hat es was von einer Chorsimulation.

Ich komme schnell rein. Die Melodien sind recht einfach, aber nicht eintönig. Während die Kopfhörer mir die Melodie ins Ohr tuten, zwitschere ich fröhlich mit. Ist ganz einfach! Plötzlich erinnere ich mich an die DSDS-Kandidaten, die mit Playback im Ohr vor der Jury ihr Lied vortragen und sich dabei anhören wie ein blökendes Schaf. So schlimm wird es schon nicht sein, beruhige ich mich. Bis zur Aufführung muss ich als Einzelsängerin an vier Proben teilnehmen: einer Regionalprobe, einer Einzelsängerprobe, einer Gesamtprobe und der Generalprobe. Genug Vorlauf also, um mich innerhalb des nächsten Halbjahres einzugrooven. Weil noch so viel Zeit ist, lege ich die Noten und auch die CD gelassen beiseite – nur um beides eine Woche vor der ersten Probe umso intensiver zu studieren. Ich möchte mich dann doch nicht als Schaf im Sängerpelz outen müssen.

SINGEN IST NICHT GLEICH SINGEN
Mitte September bin ich also auf dem Weg zu meiner ersten Probe in der Stadthalle von Duisburg. Mich erwartet ein Baustil der 80er-Jahre mit dunkelgrünen Schwingtüren. Gegenüber dem Empfangsbereich werden auf zwei aneinandergestellten Klapptischen Notenbücher und CDs des Oratoriums verkauft. Am linken Rand stehen vor zwei Luther-Bannern zwei weiße Stehtische: Das ist wohl der Infostand der Veranstalter. Keiner fragt mich nach einer Teilnahmebescheinigung oder zumindest meinem knallroten Notenbuch. Ungehindert schlendere ich weiter in den Veranstaltungsraum. Die Sitzplätze im Alt sind bereits fast alle belegt. Ich beschlagnahme einen Klappsitz am Gang weiter hinten.

Christoph Spengler, einer der drei Dirigenten der Aufführung in Düsseldorf, leitet die Probe. Nach ein paar Einsingübungen geht es direkt in die erste Nummer. Wir wagen den Sprung ins kalte Wasser und singen einfach drauf los. Mal sehen, was bisher schon alles in den Proben vorab erreicht wurde. Christoph bittet die Technik, bei einem bestimmten Takt einzusetzen. Kurz bin ich verwirrt: Kann er nicht auf seinem E-Piano auf der Bühne den Einsatz geben? Dann klackt über Lautsprecher eine Art Metronom und eine Stimme zählt ein – Christoph schwingt seine Hände dirigentenmäßig durch die Luft und gibt den Einsatz: „L – U – T – H – E – R.“

Ich bin so überwältigt von dem Stimmvolumen der Sänger um mich herum, dass ich den Einsatz verpasse und erst auf T einsetze. Kleiner Patzer – nicht so schlimm, denke ich und singe munter weiter. Das Ergebnis kann sich hören lassen. Ich finde, das Stück hört sich an wie auf der Übungs-CD, nur besser. Klappt doch super. Nach dem Titel gespanntes Schweigen. Meine Auffassung ist offenbar mehrheitsfähig: War eine gute Nummer. Christoph sieht das anders. Er findet unsere Leistung mies, was er uns auch auf humorvolle Weise mitteilt. Wir lachen unsicher. Christoph lächelt gequält, als hätte jemand einen schlechten Scherz gemacht. Es liegt wohl noch etwas Arbeit vor uns.

Arbeit – das umschreibt auch ganz gut die Probe. Wir proben die Stücke nacheinander durch: Einsätze, Pausen, Betonungen – ich mache mir Notizen in die Noten. Mein neongelber Marker schwingt sich zu Höchstleistungen auf. An der einen oder anderen Stelle krähe ich laut in Pausen rein, was mir böse Blicke von der Seite beschert. Ich komme ins Schwitzen. Peinlich. Als hätte ich mir Einzelsänger auf die Stirn tätowiert. Ich beschließe, mich etwas mehr zurückzuhalten und mich an den geübteren Sängerinnen zu orientieren. Eine willkommene Unterstützung ist mir dabei die Sängerin direkt hinter mir. Zielsicher trifft sie immer den richtigen Ton. Sie ist mein Übungs-CD-Ersatz mit Add-on: Sie hat nämlich nicht nur die Stimme des Alt gelernt, sondern alle anderen Stimmen und Soli auch. Sie trällert sozusagen die gesamte Probe durchgängig in allen Stimmen mit, inklusive Bass. Ein unauffälliger Schulterblick meinerseits zeigt mir eine junge Dame in meinem Alter. Auf ihrem schwarzen Shirt prangt in Neonorange das Logo des Gospelchores, mit dem sie in einem der großen Reisebusse vor der Halle angereist ist. Ich ahne dunkel, dass die nächste Schwester Mary Clarence der Millennials hinter mir sitzt. Und es gibt wohl noch mehr von ihrer Sorte in diesem Saal – Sister Act goes Luther-Oratorium.

Resigniert trete ich nach der Probe den Heimweg an. Irgendwie ist das doch nicht so einfach, wie ich dachte. Ich nehme mir vor, bis zur nächsten Probe die Noten noch einmal gründlich durchzuarbeiten. Wär doch gelacht!

TEIL VON WAS GROSSEM SEIN
„Noch eine Woche – dann ist schon alles vorbei“, denke ich, als ich dem Hinweisschild („Besser Alt singen als alt aussehen.“) folge und meinen Platz auf der Sängertribüne der Essener Grugahalle einnehme. Heute probt der Chor zum ersten Mal in seiner Gesamtbesetzung. Die Stimmung ist deutlich besser – unruhiger, aber familiärer und gelockerter. Vielleicht liegt es daran, dass die Tenöre ihre Bestimmung gefunden haben („Traumberuf? Tenöse“) oder der Bass kapiert hat, dass die wahren Qualitäten in der Tiefe liegen („Gut – besser – BASS. Für mehr Bassismus!“). Oder weil die Soprane endlich eingesehen haben, dass „Superheldin kein anerkannter Beruf ist“.

Kurz wünsche ich mir, in dem Team mitarbeiten zu dürfen, das die Hinweisschilder entworfen hat. Wer Schilder bastelt, muss nicht singen können – interessiert einfach keinen. Das würde mir eine große Last abnehmen. Aber eine Sängerin muss tun, was eine Sängerin tun muss. Dann erklingt auch schon das Intro zur Probe. Einige Infos gibt es vorab zu verkünden: Matthias Nagel, der zweite Dirigent, kann wegen Magen-Darm nicht anwesend sein. Per Videobotschaft von der Bühne teilen wir ihm unser Mitleid mit und wünschen gute Besserung. Dirigent Christoph hatte am Tag zuvor Geburtstag – natürlich singen wir ihm ein Ständchen, genauso wie im Anschluss auch noch allen übrigen Geburtstagskindern. Wie selbstverständlich werden 2.800 Personen auf einem einfachen Niveau in den Alltag und die Sorgen der Veranstalter integriert und persönlich wahrgenommen. Ich werde ungeduldig. Das Vorgeplänkel kommt mir heute ewig vor. Aber ein Sondergast fehlt noch, denn diesmal ist auch Dieter Falk, Komponist des Oratoriums, bei der Probe anwesend. Er erzählt einige Takte zum Entstehungsprozess des Oratoriums und stimmt mit dem Chor ein kleines Lied an. Mit dem Versprechen, in der Probenpause „alles zu unterschreiben“, räumt er für Christoph die Bühne.

Endlich! Heute geht es an den Feinschliff. Wir proben nur noch einzelne Stellen, die gefährlich werden könnten, und starten nach der Pause einen vollständigen Durchlauf des Oratoriums. Ich bin froh, den Ablauf vor der Generalprobe einmal in Echtzeit miterlebt zu haben. Jetzt bin ich richtig drin. Von mir aus kann’s losgehen!

EIN GUTER DIALOG IST DIE HALBE AUFFÜHRUNG
Es ist Freitagabend. Ich komme bei Dämmerung am ISS Dome in Düsseldorf an und reihe mich in die Sängertraube vor dem Eingang – meinen Sängerausweis in der Hand, die Tasche bereit für den Glasflaschen-Security-Check. Nach unzähligen Treppenstufen gelange ich in meinen Block. Es riecht nach Trockeneis – die letzten Schwaden der Nebelmaschinen gleiten noch den Bühnenstufen Richtung Publikumsreihen entgegen. Bühne und Sängertribüne sind in blaues, rotes und gelbes Licht getaucht. Um mich legt sich ein Mantel der Aufregung. Ich suche mir einen Klappsitz. Kaum habe ich mich eingerichtet, gesteht mir meine Sitznachbarin nervös lächelnd, dass sie ja nicht schwindelfrei sei. Ich bewundere die Bühne. Sechs Lastwagen brachten das Equipment zur Halle. Licht, Ton, Special-Effects – 50 Mitarbeiter waren allein damit beschäftigt.

Heute steht zum ersten Mal ein Durchlauf der Choreografien auf dem Plan. Ein, zwei Durchgänge werden geprobt, dann müssen die Bewegungsabläufe sitzen. Das junge Orchester NRW nimmt seine Plätze auf der  Bühne ein. Christoph und Matthias erklimmen die Treppen ihrer Dirigenten-Podeste links und rechts der Bühne, damit sie keinem Zuschauer die Sicht versperren und der Chor ihre Einsatzangabe trotz Traversen erkennt. Mensch, ist das aufregend! Ich fühle mich wie ein Star.

Während der Probe merke ich schnell, wie wichtig eine eingespielte Kommunikation zwischen Chor und Dirigent ist. Mein Platz ist im äußeren Rang am Rand des Chores – für meine Seite dirigiert Matthias. Er gibt die Einsätze ganz anders als Christoph in den Proben. Seine Bewegungen sind geschmeidiger und weniger technisch. Ich bin verwirrt: Wann soll der Ton denn jetzt da sein? Während der Generalprobe sind die Einsätze des Chores hörbar unsauber. Unsicherheit kommt während der Choreo zum fünften Song „Multiplikation“ auf. Der Chor soll zu einem bestimmten Zeitpunkt im Stück die Notenhefte mit dem schwarzen Umschlag nach außen über den Kopf halten und nach dem Prinzip einer La Ola-Welle von der Chormitte nach außen zu beiden Seiten auf die weiße Seite umdrehen. Heute ist der Schlusston gesungen, bevor die Welle an den äußeren Rändern des Chors angelangt: Sie klatscht nicht auf die Felsen, sondern verläuft sich mehr im Sandstrand. Sozusagen eine Multiplikation, die sich im Sand verläuft. Alles in allem war das keine herausragende Probe. 18 Stunden vor dem Auftritt: Es gibt Potenzial nach oben. Eine Erkenntnis, die mich eher zum Weinen als zum Lachen bringt.

ICH STEHE NICHT ALLEINE DA
Samstagmorgen – Finalstimmung liegt in der Luft. In der Eingangshalle des „Domes“ empfängt mich der Duft von warmem Popcorn und Frauenparfum. Die Sängerinnen haben heute noch etwas mehr Rouge aufgelegt und die Herren ihre Halbschuhe poliert. Inzwischen sind auch die Stuhlreihen in der Mitte der Dome-Arena gestellt. Wir singen uns ein, dann heißt es: So, jetzt ist noch eine Stunde Pause – in fünf Minuten werden die Zuschauer reingelassen. Huch – das geht jetzt aber mit großen Schritten. War nicht noch eine Probe vorgesehen? Und schon kommen die ersten Menschen in die Halle, suchen ihre Plätze auf. Nach und nach füllen sich die Reihen. Wie kleine Kinder schauen wir durch einen Türspalt und stellen uns dem Pochen in der Brust. Bis zehn Minuten vor Veranstaltungsbeginn haben dann auch alle Sänger ihre Plätze eingenommen. Gespanntes Warten. Ich sitze auf meinem Klappsitz und markiere panisch noch die letzten Zeilen, kreise mit Kuli Pausen und Einsätze ein. Das Mädel neben mir sieht mir verständnislos dabei zu. Das Orchester sammelt sich am Bühnenaufgang und geht schließlich auf seine Plätze. Applaus brandet auf. Schnell sortiere ich mich und warte auf das Signal für den Chor zum Aufstehen. Der Moment ist da: Es gibt keine zweite Chance. Ich atme tief ein – diesmal gelingt mir der Einsatz auf „L“.

ERMUTIGENDE HOOKLINES FÜR DEN ALLTAG
Der Morgen danach: Mann, bin ich platt. Unglaublich müde und zufrieden über die gelungene Show. Wir sind ohne groben Patzer durchgekommen. Den anschließenden Applaus habe ich versucht, tief in mich einzusaugen. Ja, er galt auch mir als einer von 2.820. Auch wenn ich „nur“ zum Chor gehört habe, bin ich stolz auf das Gesamtergebnis. Das Oratorium war unsere gemeinsame Leistung – mit Ensemble, Band und Orchester. Wir alle können sagen: „Le Star, c’est moi.“ Einige der Lieder haben mich in dieser Nacht bis in den Schlaf begleitet – auch inhaltlich. Ich habe noch länger über Luthers Kampf mit seinem Gewissen nachgedacht. Was es einen kostet, gegen die Mehrheit für seine Meinung einzustehen. Mir ist neu bewusst geworden, was der Entschluss zum „Selber Denken“ von mir fordert. Es ist, als ob Luthers Geschichte mir zuruft: „Hab Mut“, wo die Wahrheit in Frage gestellt wird. Noch mehr „Klick“ ist bei einem Pop-Oratorium nicht drin!

MELANIE ECKMANN würde nochmal im Projektchor des Pop-Oratoriums „Luther“ singen.

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