Sag´ bescheid

Yad Vashem – der Abgrund blickt zurück

(Quelle: shutterstock_Alexandre Rotenberg)

In einer Welt voller guten Nachrichten brauchen wir Mut, in die Abgründe zu blicken, um im vollen Maße zu erkennen, was wir sind.

von: Alex Dalinger

„Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Ich bin kein Nietzsche-Anhänger, im gewissen Sinne stimme ich ihm hier aber zu: Es sind die Abgründe, die dunklen Ecken, die man lieber meidet, die uns das offenbaren, wer wir selbst überhaupt sind, aus welchem Holz wir eigentlich geschnitzt sind. Und einen Spiegel zu meiden, nur weil er die unschöne Wahrheit zeigt, ist nicht sehr ratsam. Dass wir perfekt sind, davon geht natürlich keiner mehr aus. Zu viele Situationen gibt es im Alltag, in denen wir merken, dass die Ära unserer Unschuld (wenn es überhaupt mal eine gab) vorbei ist. Und dennoch meine ich, dass wir oft von einer „So-schlimm-bin-ich-auch-wieder-nicht“-Naivität umhüllt sind, aus der wir uns nur ungern herauswagen. Klar bin ich auch nur ein Mensch – aber wirklichen „Abgründe“ habe ich jetzt auch wieder keine. Die „Abgründe“ sind das, was in den Nachrichten gezeigt wird oder in weitergeleiteten Facebook-Posts für Schocker sorgt. Das, was damals oder drüben passiert ist. Das, wozu sie imstande sind. Mit meinem Leben hat das nichts zu tun. Treten wir aber näher an einen Abgrund heran, werden wir erleben, dass die Grenzen zwischen ihnen und uns, zwischen damals bzw. drüben und jetzt bzw. hier doch nicht so scharf gekennzeichnet sind. Und zu entdecken, wer man wirklich ist, ist heilsam.

DER MENSCH IST MENSCH

An einem Abgrund durfte ich das vor ein paar Jahren besonders merken. Ausgerechnet in Israel, einem Flecken der Erde, der aufgrund von seiner Präsenz in Schlagzeilen und Geschichtsbüchern, seinen Konnotationen mit Krieg und Terror als Beispiel für unseren Umgang mit Abgründen dient: Was dort geschieht, was damals passiert ist, was sie dort tun – das ist alles schrecklich, hat mit unserem Leben aber nichts zu tun, und das ist auch gut so. Ach wirklich? Es genügt, sich in den Palästinensergebieten etwas zum Essen zu holen, in einer Jerusalemer Shavarma-Bude mit Einheimischen darüber diskutieren, welcher der beiden FCBs der bessere ist, an Orten unterwegs zu sein, die im Leben des Jesus von Nazareth eine große Rolle gespielt haben oder sich von einem UN-Soldat bei den Golan-Höhen nüchtern erklären zu lassen, dass im nächsten Dorf unten in Libanon gerade ein Häuserkampf gegen IS-Truppen tobt – und man stellt fest, dass die Grenze zwischen „sie“ und „ich“ nicht klar definiert ist. Wir Menschen sind im Grunde alle gleich, wie auch unsere Abgründe. Der !!!-Moment kommt in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Dem irrsinnigen Tempo meiner Studienreise geschuldet, darf ich dort nur eine knappe Stunde verbringen, gerade so oberflächlich durch das Museum durchsprinten. Dennoch würde ich es wegen dieser einen Stunde jederzeit genauso tun. In einer chronologischen Darstellung der Judenverfolgung geht man durch unterirdische Gänge eines Betonprismas, liest Augenzeugenberichte, sieht Bilder aus dem Warschauer Ghetto, hört Audioaufnahmen aus der Zeit der Kristallnacht. Gegenstände von KZ-Häftlingen, Hitlers Reden, Porträts der „Endlösung“- Initiatoren. Namensregister. Kinderuniformen. Waffen. Ein Gedicht, das in die Innenseite eines Wagons eingeritzt wurde. Ein Haufen schwarzer Schuhe. Modell eines Krematoriums im Querschnitt, darin Hunderten von Menschenfiguren, die den ganzen Prozess von der Schlange am Eingang bis zu den Öfen durchmachen.

WIE KAPUTT SIND WIR MENSCHEN EIGENTLICH?

Wir Deutsche sind bekannt für dieses besondere Maß an gefühlter Mitverantwortung, wenn es um das Thema Holocaust geht. Hier hatte ich nicht mal den Eindruck, dass dieses Gefühl vermittelt werden soll. Das Ganze wirkt bewusst dokumentierend, nicht inszeniert. Natürlich sieht man Fotos von weinenden Kindern. Aber man merkt: Hier will niemand Schuldgefühle über Sünden der Vorfahren hochmanipulieren, hier geht’s nicht darum, jemanden künstlich in einen sentimentalen „Abgrund“ hereinzulocken. Hier wird nur ein Stück Menschheitsgeschichte festgehalten; für die emotionale Seite ist jeder selbst zuständig. Die einzige Frage, die ich mir während meines Sprints durch die Galerien stelle: Wie kaputt sind wir Menschen eigentlich?

 

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