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WAS WIR GLAUBEN KÖNNEN

Was bleibt vom Glauben, wenn Erziehung, Tradition und Wahrnehmung ausgeklammert werden? Und was hat eigentlich Ostern damit zu tun? Eine ergebnisoffene Indiziensuche.

„Von da an wandten sich viele seiner Jünger von ihm ab und folgten ihm nicht mehr nach. Da fragte Jesus die Zwölf: ‚Werdet ihr auch weggehen?‘“ Johannes 6,66–67

Ganz oder gar nicht. Keine halben Sachen. Wer diesen Anspruch an sein Leben stellt, der hat’s nicht leicht. Jede Überzeugung, jeder Wert, der die eigenen Handlungen beeinflusst, muss gut begründet sein. Und was der Kritik nicht standhalten kann, gilt nicht. Ganz oder gar nicht – in Glaubenssachen verbietet das den halbherzigen Kompromiss als Mittelweg. Ein Mittelweg wäre zum Beispiel, sonntags in die Kirche zu gehen, „weil man das so macht“, aber nicht sein ganzes Leben am Evangelium auszurichten – etwa, um die Eltern nicht zu enttäuschen. Oder aber, weil der Mut fehlt, Gott für Unsinn zu erklären.

Jeder kommt in seinem Leben an solche Fragen. Was mache ich mit den vorgelebten oder angelernten Lebenseinstellungen meiner Eltern – bejahen, um sie als meine eigenen weiterzuleben, oder verneinen, um danach andere Einstellungen zu leben? Wer fromm aufgewachsen ist, stößt bei der Frage, wenn sie ernst gemeint ist, auf den Wunsch, den eigenen – oder eben bloß übernommenen – Glauben auf seine Tragfähigkeit hin zu prüfen. Am Ende muss eine klare Antwort stehen: ganz glauben oder gar nicht glauben. Und wenn wir uns nicht selbst belügen wollen, müssen wir hier ergebnisoffen vorgehen.

Alles zurück auf Null
Also, los geht’s. Was bleibt vom Glauben übrig, wenn Erziehung, Gemeinde, christliche Freunde und alle anderen äußeren Einflüsse „herausgerechnet“ werden?

Viele sagen, es wäre doch viel unkomplizierter, einfach zu leben und von nichts Übernatürlichem auszugehen. Keine Regeln, an die man sich halten muss, keine Zeitverschwendung mit religiösen Ritualen und Terminen und kein schlechtes Gewissen gegenüber irgendeiner Gottheit, die moralische und ethische Maßstäbe festlegt. Keinem Rechenschaft schuldig zu sein, wenn wir den Vorgaben nicht entsprechen können. Wäre doch schön entspannt.

Falsch. Wenn wir den „Ganz-oder-gar-nicht“-Anspruch konsequent befolgen, heißt das, alles infrage zu stellen. Und zwar wirklich alles! Das ist überhaupt nicht entspannt – wir können unmöglich jede Sinnfrage über uns selbst oder die Welt klären. Und wer sagt uns, dass die gefundenen Antworten wahr sind? Das fängt bei den ganz existenziellen Fragen an. Wer sagt uns, wer wir wirklich sind? Unser Umfeld kann sich täuschen, wir können uns selbst täuschen, unser Verstand kann uns Antworten auf die Sinnfragen vorgaukeln, damit wir Ruhe geben, und so weiter. Können wir unseren eigenen Erfahrungen trauen? Alles Erfahrene innerhalb dieser Welt ist gefiltert von den Grenzen meiner Wahrnehmung – und möglicherweise gar nicht so gemeint gewesen, wie wir es uns interpretieren.

Logisch: Das führt in intellektuelle Sackgassen und wer zu lange in diesen Gedanken herumkreiselt, kann ernste Probleme bekommen. Die Schlussfolgerung aus dieser Misere muss lauten: Da gibt es irgendetwas, dass nicht innerhalb dieser Welt, sondern außerhalb davon liegt. Eine allgemeingültige, objektive Wahrheit, die wir nicht erst konstruieren müssen, sondern die einfach existiert. Danach müssen wir suchen – und zwar nicht, weil wir uns etwa nicht damit zufrieden geben könnten, dass eine solche Wahrheit nicht existiert, sondern, weil die Leugnung der fehlenden objektiven Wahrheit uns regelrecht krankmachen kann. Und das wollte doch die Evolution ganz bestimmt nicht.

Konsequent und ergebnisoffen wäre es, jede Denkart, die je in der Geschichte der Menschheit über einen in irgendeiner Art religiös inspirierten Lebensentwurf gedacht wurde, auszuprobieren. Aus verschiedenen Gründen, die teilweise noch in diesem Text auftauchen werden, liegt es nahe, das zu verkürzen und sich auf einen christlichen Entwurf zu konzentrieren.

Es gibt ein Drei-Stufen-Modell des Glaubens, das aus der lutherischen Orthodoxie stammt. Es beschreibt drei Entwicklungsstufen, die aufeinander aufbauen: Noticia – die reine Kenntnis bestimmter Glaubensinhalte, Assensus – die Zustimmung zu diesen Inhalten, und Fiducia – das Gottvertrauen, der persönlich gelebte Glaube.

Noticia – was wir wissen können
Was wir wissen, entspricht noch lange nicht dem, was wir glauben – wir inspizieren erst mal die Faktenlage, neutral und ergebnisoffen. Fest steht, dass, den gesunden Menschenverstand vorausgesetzt (wobei zu hinterfragen wäre, wo der eigentlich schon wieder herkommt), die christliche Lehre das logischste Konzept ist, diese Welt zu erklären.

„Am Ende muss eine klare Antwort stehen:

ganz glauben oder gar nicht glauben.“

Das Menschenbild, das hier vermittelt wird, bietet den größtmöglichen freien Willen und gleichzeitig einen allmächtigen Gott (alles andere wäre ohnehin sinnlos), macht keine Klassen-, Rassen und Geschlechtsunterschiede (im Sinne von Diskriminierung) und setzt keine bestimmte Gesellschaftsform voraus. Zudem kann jeder teilhaben und nicht nur eine privilegierte Gruppe, die einen besonderen Grad an Erkenntnis erlangt hat. Kurz gesagt: wenn schon Religion, dann wenigstens christlich.

Die Quellenlage ist reichhaltig wie bei keiner anderen Sinnfrage. Die wichtigste Quelle ist natürlich die Bibel. In ihr steht, dass Jesus gelebt hat, gestorben und wieder auferstanden ist und dadurch die Menschheit gerettet wird – allein durch Gnade. Außerdem noch Dinge von einem liebenden Gott, der sich zeigt und erfahrbar ist, und vieles andere mehr – inklusive Widersprüchlichem. Außer der Bibel gibt es weitere Schriftquellen, die sich mit dem christlichen Glauben befassen oder die Jesus historisch bezeugen. Außerdem gibt es eine umfangreiche Kirchengeschichte und eine religiös geprägte Weltgeschichte, viele wichtige Persönlichkeiten, die als Glaubensvorbilder herhalten können, die Welt mit all ihrer Vielfalt an sich, und, ganz wichtig: Gott kann erlebt werden und das kann beobachtet werden. Sagen die sogenannten Christen, die das alles glauben, oder Eltern, die einen dahingehend erziehen.

Assensus – was wir glauben können
Nach der lutherischen Orthodoxie kommt jetzt die Stufe, auf der aus dem Wissen Überzeugungen geboren werden. Welchen Glaubensaussagen ich zustimme, ist enorm wichtig für einen echten Glauben, auch wenn mein Fürwahrhalten keinen Einfluss auf die objektiven Wahrheiten des Glaubens hat. Dabei spielt Logik eine tragende Rolle, aber auch Erfahrungen, Prägungen und Glaubensvorbilder. Hier muss man den Kirchen als „Oberste Hüter des Glaubens“ ein Glaubwürdigkeitsproblem attestieren. Sie verspielen leider immer wieder ihren Kredit – nicht nur die großen Konfessionen im Mittelalter. Auch heute wird viel Falsches unter christlichem Deckmantel betrieben, Ursprüngliches vorsätzlich falsch ausgelegt, um über andere Menschen urteilen zu können – egal, ob katholisches Kloster oder freikirchliche Jesus Freaks. Gefährliche Gruppendynamiken, Vorurteile, einengende Glaubensvorschriften ohne Rücksicht auf die persönlichen Situationen der Betroffenen, bis hin zu geistigem und sexuellem Missbrauch. Schon die Urchristen waren untereinander zerstritten und lebten so gar nicht so, wie Jesus es sich vorgestellt hatte – zum Beispiel die Megachurch der Korinther. Allerdings: Das alles ist ein menschliches Phänomen, worüber Gott sich sicher die Haare rauft, aber es ist nicht dafür geeignet, den Glauben an sich zu diskreditieren – wir brauchen die Kirchengeschichte nicht als Glaubensindiz.

Doch was ist mit unserer Erziehung? Die können wir doch nicht einfach abstreifen – erst recht nicht, wenn die Eltern uns christlich erzogen haben und die Jungschar ihr Übriges tat. Wir Menschen sind total von unserem Umfeld beeinflussbar. Was würden wir heute über Gott denken, wenn wir anders erzogen worden wären? Selbst Christen aus atheistischen Familien sind trotzdem im christlich geprägten Kulturkreis aufgewachsen. Was wäre, wenn wir in einem anderen Land aufgewachsen wären?

Natürlich gibt es auf diese Fragen keine Antworten. Es ist unmöglich, einmal testhalber so zu leben, als ob man von all dem noch nie etwas gehört hätte. Die Prägung bleibt immer im Hinterkopf – wir können sie nicht einfach ausblenden. Sie kann nur ausgeschaltet werden, indem sie unerheblich wird für den eigenen Glauben, weil es genug andere Anhaltspunkte gibt.

Einer dieser Anhaltspunkte, auf die wir uns oft verlassen, ist die persönliche Begegnung mit Gott. Die äußert sich oft durch eine emotionale Berührung oder andere Dinge, die auf den ersten Blick nicht erklärbar sind – auf den zweiten Blick aber schon. Jede vermeintliche Gotteserfahrung kann soziologisch, psychologisch oder sonstwie erklärt werden. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Gilt die Existenz Gottes als Voraussetzung, so können wir Gotteserfahrungen auch göttlich interpretieren, aber damit eben nicht Gott erklären. Andersherum scheitert der Versuch, mit Gotteserfahrungen Gott zu erklären, da nicht auszuschließen ist, dass diese Erfahrungen woanders herkommen.

Das Gleiche gilt für die Schöpfung: Den Schöpfer vorausgesetzt, können wir hervorragend mit der Wissenschaft erklären, wie die Welt geschaffen wurde. Ganz egal, ob in sechs Tagen oder mehreren Millionen Jahren – die Indizien in dieser Welt auf einen Schöpfer sind unübersehbar. Andersherum können wir in offenen Fragen der Wissenschaft nicht auf Gott setzen, ohne uns dabei selbst in die Tasche zu lügen. Gott ist nicht die Chiffre für alles, was wir noch nicht wissen.

Was bleibt dann eigentlich – etwa die Bibel? Tatsächlich, auf sie ist teilweise Verlass. Hier hilft ein Theologiestudium oder wenigstens etwas verbrachte Zeit mit Verfasserfragen und historischer Plausibilität der Schriften, vor allem im neuen Testament. Historisch-kritische Methode nennen das einige, und wenn wir hier einwerfen, dass diese Herangehensweise nicht zu einem gelebten Glauben passen kann, sollten wir darüber nachdenken, ob ein Glaube nicht vor allem dann lebbar wird, wenn er allen wissenschaftlichen Methoden dieser Welt standhalten kann.

Fakt ist, dass Jesus gelebt hat. Darüber ist sich so ziemlich jeder Forscher einig. Diese Person ist historisch mindestens so bezeugt wie Cäsar oder sonstwer – mit Hilfe unserer heutigen, ganz weltlichen Forschungsmethoden muss Jesus vorausgesetzt werden. Bei den Fragen nach seinem messianischen Wirken, seiner Auferstehung und seiner Gottessohnschaft wird es natürlich kniffliger. Bezeugt ist das alles durch die Evangelisten und neutestamentlichen Autoren wie Paulus. Können wir denen trauen? Immerhin waren die meisten von ihnen – nach wissenschaftlichem Kenntnisstand – keine Weggefährten von Jesus, und Paulus schrieb seine ersten Briefe mehr als zwanzig Jahre nach Jesu Tod, die Evangelisten noch später.

Aber die Zeit zwischen Geschehen und Niederschrift der Geschichten war zu kurz, als dass sich die überlieferten Traditionen stark geändert haben könnten. Sie entsprechen teilweise so gar nicht dem damaligen Gedankengut. Viele archäologischen Funde bestätigen Aussagen der überlieferten Bibel und, und, und. Es ließe sich noch viel mehr entdecken, was uns zu der Überzeugung führen kann: Die Autoren der urchristlichen Zeugnisse haben nach bestem Wissen und Gewissen aufgeschrieben, was sie in Erfahrung bringen konnten oder erlebt haben – und haben es sich nicht ausgedacht, denn eine solche perfekte Lüge mit all ihren aufeinander abgestimmten Details sollten wir der Menschheit mit all ihren Meinungsverschiedenheiten nicht zutrauen.

Fiducia – Der Sprung über den Ostergraben
Soweit, so gut: Es gibt vieles, das wir wissen. Vieles, wovon wir annehmen können, dass es wahrhaftig ist. Schöpfungsfragen, vermurkste Kirchengeschichte, Erziehung und Prägung? Kein Problem, brauchen wir hier nicht mehr. Vieles deutet mit gutem Grund auf Gott hin – auch wenn nicht alles als Beweis taugt. Sollten wir also an ihn glauben? Ein Glaubenserlebnis kann an diesem Punkt nicht helfen, da wir es ja anzweifeln könnten. Aber jemand anders hilft: Jesus Christus. Wenn er wirklich auferstanden ist, ist Gott real und wir haben allen Grund, all das zu glauben, was wir heute glauben.

Zurück zum Anfang: Weil es den Menschen sonst krankmachen kann, muss es eine objektive Wahrheit außerhalb dieser Welt geben, wie wir Menschen sie wahrnehmen können. Außerhalb dieser Welt bedeutet also, dass die hiesigen Gesetzmäßigkeiten und Werte keine Begrenzung mehr darstellen. Eine begrenzende Gesetzmäßigkeit wäre zum Beispiel der Tod – wenn sie nicht mehr gilt, weil sie nicht mehr gelten darf, ist auch die Auferstehung möglich.

An dieser Stelle liegt uns alles zu Füßen, ein riesiges Puzzle, das fast komplett ist, aber ohne das letzte Teil – die tatsächliche Auferstehung Jesu – völlig bedeutungslos bleibt. Quantitativ haben wir eine Fülle an Indizien, doch sie nutzen uns gar nichts, wenn wir sie nicht qualitativ bewerten. Und von der Quantität zur Qualität kann es keine Entwicklung, keine Einzelschritte, keinen Übergang geben – sondern nur, wie der dänische Philosoph Søren Kierkegaard im 19. Jahrhundert es nannte, einen Sprung. Von jetzt auf gleich hineingeworfen sein in einen Moment der Entscheidung, ob man sich allein von Vernunft bestimmen lassen will, oder mit Gott rechnen. Denn wenn Jesus auferstanden ist, dann ist das hier eine andere Welt mit anderen Möglichkeiten.

Ist er, Jesus Christus, also auferstanden? Wir haben keinen historischen Beweis. In der Theologie hat sich der Begriff „Ostergraben“ für das, was zwischen dem historischen Jesus und dem Messias liegt, etabliert. Wie passend, dass gerade Osterzeit ist: Sollten wir nicht die Chance nutzen, über diesen Ostergraben zu springen? Wir könnten uns irren, aber diese Fehlertoleranz müssen wir in Kauf nehmen, um so unendlich viel zu gewinnen. Der Rest ist Vertrauen.

Simon Wörpel hat das hier eine ganze Zeit lang durchgekaut und ist zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen, das ihn einigermaßen ruhig schlafen lässt.

Bildquelle: photocase.com (phoenixie)

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  1. M.Schwarz

    Sehr gut und sehr interessant, vielen Dank!
    Wir brauchen solche Leute, die sich konsequent hinterfragen und nicht nur auf Mainstream-Dogmen-Wellen reiten (bspw. der Exkurs zur hk-Methode).

    Einige Anmerkungen:
    Dass man nicht ohne gewisse Vorraussetzungen (man kann es Konvention nennen) auskommt, geben Sie ja auch zu. Der Artikel bleibt damit halt in der Blickrichtung „von innen“, was aber nicht schlimm ist. Die absolute Wahrheit als Gegenmittel für den Nihilismus gefällt mir und halte ich auch für wahr. Dass die „christiliche Lehre“ aber „das logischste Konzerpt ist, diese Welt zu erklären“ – was ich ja genauso sehe – verbietet sich dann doch. Die Prägung nehmen sie ja erst später genauer in den Blick. Es wäre wohl ehrlicher mit dem Christlichen anzufangen, weil es die mir bekannte, eigene und vielleicht auch in meiner Kultur verbreiteste Lehre bzw. das … Konzept ist.
    Noch als Anstoß zum „unendlich viel“ „Gewinnen“ will ich die Pascalsche Wette, eine kleine, nette Lektüre, empfehlen.
    Und ist fiducia nicht eher die Vertrauensbeziehung.?

    Was machen Sie denn sonst so in ihrem Leben?

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