Sag´ bescheid

Der Tag, an dem „Nächstenliebe“ wieder hip wurde

David Tognis Modelabel „Love Your Neighbour“ verhilft der Nächstenliebe zu einer stilbewussten Renaissance. Nicht nur auf Kleidern oder Fotos, sondern im Alltag. Kein Wunder, hatte Gott doch höchstpersönlich bei der Gründung des Labels seine Finger im Spiel.

Es gibt Bibelverse von epischer Schönheit, denen über die Zeit der Glanz abhanden gekommen ist. Sätze, deren Wert sich jede Generation selbst erarbeiten muss, damit sie nicht zur Worthülse verkommen. „Liebe deinen Nächsten“ zum Beispiel. Was passiert, wenn sich die Worthülse im Alltag nicht mehr wegducken kann? Wenn sie auf dem T-Shirt steht, das man trägt, während ein Arbeitskollege in Endlosschleife vom Spaziergang mit dem Hund erzählt, die Supermarktkassiererin im Schneckentempo bedient oder Mitbewohner ihr Geschirr vergammeln lassen? Da wird das ganze explosive Potenzial deutlich, das in einer so simplen Aufforderung wie die zur Nächstenliebe drinsteckt.

David Togni war mit dem Auto unterwegs, als ihm ein anderer Fahrer voll den Weg abschnitt. Als Halbitaliener hatte er keine Mühe, seinem Gegenüber deutlich zu machen, was er von der Aktion hielt. „Erst als der Wagen weiterfuhr, fiel mir ein, dass ein ‚Love Your Neighbour‘-Sticker gut sichtbar auf meinem Auto prangte. Das war so peinlich! Umso schlimmer war, dass die nächste Ampel auf Rot schaltete, wo der Typ von vorher ebenfalls warten musste. Ich dachte ‚Neiiiiiin, bitte nicht!‘, aber ich musste anhalten. Als wir nebeneinander standen, kurbelte ich langsam die Fensterscheibe runter, er ebenfalls, wir sahen uns an – und dann haben wir laut losgelacht.“

EIN NEUER GRUNDTON
David Togni ist der Gründer von „Love Your Neighbour“, einem „Social Fashion Label“, das sich gelebte Nächstenliebe aufs Shirt, den Beanie oder die Tasche geschrieben hat – fernab von sonntäglicher Frömmigkeit.

Fernab liegt auch das „Love Your Neighbour“-Office in Neuhausen am Rheinfall. Wären da nicht Autos mit goldumrankten „LYN“-Logos vor dem Gebäude, man würde zweifeln, ob es sich um die richtige Adresse handelt. „LYN“ befindet sich dann aber tatsächlich ein paar Stockwerke weiter oben, ein gemütliches Büro mit Teppich, Holzkommode, Modellpuppen mit Shirts und einem neu erstandenen Bild vom Matterhorn, das der aktuellen Kollektion entsprungen sein könnte. Tatsächlich ist es genau umgekehrt: Die Kollektion ist dem Bild angepasst, wie sich herausstellt. Nachdem David es gekauft hatte, modifizierte er die Kollektion, weil ihn die Botschaft der Künstlerin beeindruckte: „Jeder will ganz oben sein, aber ich glaube nicht, dass die Leute wissen, wie viel Mühe damit verbunden ist.“ Wie hoch will David mit „Love Your Neighbour“ hinaus? Und worum geht es ihm dabei? „Bei ‚Love Your Neighbour‘ geht es nicht einfach um ein Design, einen hippen Slogan oder ein christliches Programm“, stellt Togni klar. „‚Love Your Neighbour‘ verkörpert eine Botschaft, die unsere Kultur verändern kann! Jeder ist berufen, gerade dort, wo er sich befindet, durch Liebe einen Unterschied zu machen.“

Vor vier Jahren begann die Reise mit „Love Your Neighbour“ bei David persönlich. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits einige Abstürze und Senkrechtstarts hinter sich: den Tod seiner großen Schwester, durch den er Gott vorübergehend an den Nagel hängte, eine Karriere in der Wirtschaftsbranche, durchzechte Nächte mit Champagner, eine Versöhnung mit Gott und eine Wiederentdeckung seiner Liebe, aber auch zwei Operationen am Rücken, weil er eines morgens halbgelähmt im Bett gelegen hatte.

In diesen Zeiten nach den OPs, als er gerade vollständig für arbeitsunfähig erklärt worden war, sprach Gott durch eine Vision zu ihm: David sah Bilder vor dem inneren Auge, die ihm ein Kleiderlabel zeigten, durch das eine Fackel und dann immer mehr Fackeln angezündet wurden. Tief berührt setzte er sich sofort an den Laptop und begann zu planen. Es war acht Uhr morgens an einem gewöhnlichen Wochentag, doch er sollte ein wichtiger in Davids Biografie werden.

SICHTBARES
Das Offensichtliche zuerst: „Love Your Neighbour“ etablierte sich seit dieser Vision erfolgreich in der Modeszene. Man könnte auch sagen, „LYN“ schlug ein wie eine Bombe. Das lag nicht nur am „Fashion“ des Labels mit den stylishen Designs, sondern auch am „Social“: David lässt nicht nur fair produzieren, er steckt auch 12% des Unternehmensgewinns in einen Hilfsfond, der arme Menschen unterstützen soll, und verschenkt mehr als jedes zehnte T-Shirt oder Accessoire an Obdachlose. Trips nach London, bei denen er kartonweise Klamotten verschenkt, gehören zu seinem Arbeitsalltag genauso dazu wie professionelle Shootings mitten in den spätsommerlichen Bergen. Daneben hat er kürzlich ein T-Shirt designt, auf dem nicht nur „Stop Terror“ stand, sondern „Love Your Neighbour“ als Gegenvorschlag. Die Rückmeldungen und Geschichten dazu waren überwältigend, sagt David. Nicht zuletzt wegen des Kampagnenbilds, das Leute in allen Größen und Hautfarben zeigt. Sogar Leute aus Israel und Palästina meldeten sich. Die Schweizer Wirtschaftskammer sah in seinem Schaffen einen Beitrag für Kinder, Frieden und Menschenrechte und verliehen ihm einen Award. Davids Karriere als „Social Fashion Designer“ könnte nach einer ersten Bilanz nicht erfolgsgetränkter sein.

UNSICHTBARES
Die Zwischentöne des Erfolgs verbergen sich darin, dass David sich am Gelingen freut, ohne sich darüber zu definieren. So schnell es bergauf ging für ihn, so schnell könnte der Hype auch wieder vorbei sein. David weiß darum und nimmt es gelassen. „Ich weiß nicht, wohin es mit ‚Love Your Neighbour‘ geht. Aber falls es nächstes Jahr zu Ende ginge, würde ich meine Hände schütteln und ‚Danke vielmals‘ sagen.“ Kritische Stimmen glauben ihm nicht. Seine härtesten Kritiker kommen aus den christlichen Reihen: „Häufig heißt es, ‚Dem geht es nur um sich selbst, den Erfolg oder das Geld‘. Dabei sagen wir Christen doch immer, dass wir mutig sein und Neues wagen sollen“, reflektiert er. David hat aufgehört, die Dinge persönlich zu nehmen. „Wenn du von einer Aktion keine Bilder postest, heißt es: ‚Warum nicht?‘ und wenn du es tust, sagen dir die Leute, du setzt dich in Szene. Egal was du machst, es ist falsch“, lacht er. „Das Wichtigste ist, dass ich persönlich nahe an Jesus bleibe und mein Herz kenne. Aus dieser Intimität, meiner Beziehung zu Jesus fließt alles andere.“

Zum Beispiel Antworten in Interviews. Er schätzt die Gunst der Schweizer Medienhäuser, die ihn zurzeit eins nach dem anderen einladen. Wach bleiben muss er trotzdem – „manche Fragen sind extrem heikel.“ Immer wieder wird er um Meinungen zu sensiblen Themen gebeten. Als gläubiger Christ, der eine Freikirche besucht, vertritt er in den Augen der Öffentlichkeit nicht nur „Love Your Neighbour“, sondern auch den Glauben und die Kirche. Es kommt vor, dass er mehr zum Glauben ausgefragt wird als zu „LYN“. „Menschen wollen wissen, ob wir leben, was wir mündlich von uns geben. Ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, in der Menschen genug von Worten haben. Es muss im Alltag ‚verhebe‘ (dt. etwa ‚verankert sein‘).“

DAVIDS ALLTAG
David wird gerade viel eingeladen, spricht häufig mit Medienvertretern. Vorher betet er intensiv, gibt bei Interviews auch schon mal Eindrücke weiter. Oft sind Journalisten sehr berührt, wie liebevoll David ihnen begegnet, zumal in der Schweiz das Verhältnis zwischen Kirche und Presse ein sehr angespanntes ist. In einem Club reicher Geschäftsführer, wo David seine Arbeit vorstellen durfte, überraschte er, indem er eben nicht um Geld bat: „Denken Sie bitte nicht darüber nach, was Sie uns überweisen können“, endete er seine Präsentation. „Gehen Sie zurück in Ihre Firma, ehren Sie Ihre Putzfrau und danken Sie Ihren Mitarbeitern. Damit tun Sie mir den größten Gefallen.“ Er träumt davon, dass „Love Your Neighbour“ eine weltweite Bewegung wird, und dass er, „das ist mein verrücktester Traum“, eines Tages mit dem amerikanischen Präsidenten, Putin und anderen Entscheidungsträgern an einem Tisch sitzen und ihnen das Evangelium predigen darf. „Jeder, dem ich davon erzählt habe, hat mich bislang dafür ausgelacht“, schmunzelt David, „doch ich träume davon.“

Während er all das erzählt, gewinnt man einen Eindruck davon, wie Davids Überzeugungen den Auftritt von „Love Your Neighbour“ prägen. Das Label spricht seine Sprache. Ob auf der Bühne oder dahinter: David erzählt genauso persönlich wie in seiner Biografie, die in diesem Herbst erschienen ist (Brunnen Verlag). Gibt es für ihn einen Punkt, an dem er sich zurückziehen möchte? David überlegt. „Als ich mein Buch schrieb, habe ich mir überlegt, wie ich das tun soll. Ich wollte Menschen berühren – und diejenigen Menschen, die mich in meinem Leben am meisten beeindruckt und geprägt haben, zeigten sich mir von ihrer verletzlichsten Seite. Also habe ich mich entschieden, mein Herz weit aufzumachen. Weil wir am meisten bewegen können, wenn wir uns nahbar und verletzlich zeigen.“ Es klingt nach dem Grundton von Davids Leben – und damit von „Love Your Neighbour“. Weit weg von Phrasen, ganz nah am Alltag.

FABIENNE IFF wünscht sich, dass Baschar Al-Assad ebenfalls an David Tognis Tischrunde sitzen wird.

Sag´ bescheid

Hinterlasse doch Kommentare  |  0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.