Sag´ bescheid

Gemeinsam für Berlin

Der Verein „Gemeinsam für Berlin“ vernetzt und ermutigt Christen in der deutschen Hauptstadt, öffentlich mit einer Stimme zu sprechen.

 

Interview: Chris Pahl

 

Wo ist es einfacher, Gemeinde zu bauen: auf dem Land oder in der Stadt?

Ana Hoffmeister: Ich kenne einige, die in Berlin Gemeinde bauen, und weiß, dass das nicht immer ganz einfach ist, weil man in einer Großstadt ganz andere Probleme hat als auf dem Land. In der Großstadt gibt es ein unglaubliches Überangebot an Veranstaltungen und Events, mit denen Gemeinde gar nicht konkurrieren kann. Dazu kommt eine große Unverbindlichkeit der Personen, die man gewinnen möchte. Damit muss man erst einmal zurechtkommen.

Wie lösen das Gemeinden in Berlin? Gibt es Erfolgsmodelle?

Viele orientieren sich an den Milieus und schauen, in welchem Kiez sie sind. Wir von Gemeinsam für Berlin empfehlen den Gemeindegründern, nicht nur mit großen Visionen zu starten, sondern sich erst mal den Kiez eine Weile anzuschauen. Was gibt es da für Bedürfnisse? Wie ticken die Leute? Wo gibt es eine Übersättigung und wo eine Nische? Wo sind Bedürfnisse, die die Zielgruppe noch nicht einmal artikulieren kann?

Was glaubst du: Warum scheitern so viele Gemeindegründungen in Berlin?

Vielleicht liegt es tatsächlich an der Stadt. Berlin steht ja für die Start-Up Szene. Hier findest du oft Leute, die eine coole Idee haben und einfach mal was ausprobieren. Manches gelingt sehr gut. Das sind dann die erfolgreichen Start-Ups, zu denen viele aufblicken. Anderes geht direkt wieder ein. Das können geniale Sachen sein, aber manchmal ist die Stadt noch nicht bereit dafür. Es fehlt – biblisch gesprochen – einfach der „Kairos-Moment“. Vielleicht ist die Idee nicht schlecht, nur der Zeitpunkt zu früh.

Was könnt ihr als prozentual so wenige Christen in einer so atheistischen Stadt wie Berlin ausrichten? Deprimiert dich das persönlich nicht ab und zu?

Ganz im Gegenteil. Bei Gemeinsam für Berlin sind wir sehr gut vernetzt und bekommen vieles mit. Dieses Jahr zum Beispiel beim Abschluss der Allianzgebetswoche in Berlin ist etwas passiert, was es noch nie gab. Wir haben zusammen mit dem Jugendnetzwerk, dem Ökumenischen Rat und der Evangelischen Allianz einen berlinweiten Gebetstag veranstaltet. An diesem Gebetstag waren über 60 verschiedene Gemeinden unterschiedlicher Konfessionen beteiligt. Von den koptischen Christen über Urkatholiken bis afrikanischen Pfingstgemeinden waren alle dabei. Ich kam in diesen großen Kirchraum rein und er war so voll, dass ich keinen Sitzplatz mehr gefunden habe. Es waren 600 Leute da. Es war eine so schöne Atmosphäre und wir hatten alle das Gefühl, da wächst wirklich etwas zusammen. Allein das ist schon ein Wunder, dass all diese verschiedenen Christen gemeinsam Gott angebetet haben. Dabei waren wir uns unserer Unterschiede bewusst. Es gab auch verschiedene Gebetsformen: Taizégebet, Eucharistiefeiern und viele andere. Wir waren alle total geflasht, weil wir gespürt haben: Das ist der Anfang, auf den wir schon so lange hinarbeiten. Jetzt sehen wir die kleinen Pflänzchen und sind gespannt, was das nächste Jahr bringt.

Und trotzdem bekommen die Millionen Berliner noch nichts mit. Sie spüren noch nichts von euren Gebeten, oder?

Das würde ich so pauschal nicht sagen. Da kann ich schon Hoffnungszeichen aufzählen. Gemeinsam für Berlin hat zum Beispiel jahrelang für den 1. Mai gebetet. Wo es diese heftigen Auseinandersetzungen mit gewaltgeladenen Situationen gab. Und tatsächlich haben verschiedene Medien berichtet, dass die Gewalt deutlich zurückgegangen ist. Das ist super ermutigend. Klar wissen viele gar nicht, was da im Hintergrund passiert. Ich finde, als Christen müssen wir uns nicht in die vorderste Front stellen und sagen, das war unser Verdienst. Es ist schon Erfolg genug, wenn wir Veränderung in der Stadt sehen.

Wie können Christen Stadtpolitik und Stadtverwaltung beeinflussen?

Ganz wichtig ist für uns das Gebet. Wir haben das politische Stadtgebet und ein Forum-Gebet, in dem wir regelmäßig für die Stadt beten. Zentral für uns ist: Wir sind nicht gegen etwas, sondern wir wollen die Leute segnen, für die lokale Regierung beten. In unserem Gebetsbrief kann man sich über aktuelle Anliegen informieren. Das ist die Ebene, die Transformation in Berlin bringen kann.

Geht ihr auch direkt in den Dialog mit Politikern?

Strategisch und praktisch arbeiten wir in den sogenannten Berliner Bürgerplattformen. Hier sind wir gemeinsam mit anderen Initiativen im Dialog mit Politikern und können einander auf Augenhöhe begegnen, Probleme thematisieren und gemeinsam Missstände verändern. Aktuell sind wir in der Bürgerplattform Neukölln aktiv und vor wenigen Wochen wurde eine neue Bürgerplattform in Spandau gegründet. Das sind tolle Entwicklungen. Wir arbeiten sehr viel auf Beziehungsebene. Da gibt es intensive Kontakte zum Beispiel zu Bundestagsabgeordneten, die sich über unser Engagement freuen.

Wie kann Einheit unter Christen entstehen, so lange wir uns um Formen so sehr streiten?

Ganz einfach, indem man sich zusammensetzt. Auf Augenhöhe. Nicht schaut, was uns trennt, sondern gemeinsam Kaffee trinkt und Beziehungen aufbaut. Beziehung ist die Basis für Einheit. Das ist definitiv der längere und schwierige Weg, weil man sich mit der Person auseinandersetzt, aber wir erleben, dass dadurch der Funke schnell überspringt. Man sogar eine Liebe entdeckt für die Gestalt, die Form der anderen Konfession. Und das ist letztendlich das, was die Grenzen überwinden kann. Das sind Beziehungsnetzwerke, die langfristig tragen können.

Wie geht ihr als Netzwerk mit den Partnern um, die teils sehr schräge Praktiken haben oder auch links oder rechts „ausschlagen“?

Die Herausforderung ist, immer auf den kleinstmöglichen Nenner zu schauen. Das, was uns verbindet. Klar gibt es Unterschiede. Die Frage ist, wo können wir Jesus beim anderen entdecken? Das ist auch herausfordernd und schwierig. Es gibt Themen, zu denen müssen wir auch nicht Stellung beziehen. Wir sind gemeinsam für Berlin und nicht gegen etwas. Wir sind für die Stadt.

Wer darf nicht mitmachen?

(lacht) Wir freuen uns über jeden Netzwerkpartner, der ein echtes Interesse daran hat, in Berlin etwas Positives zu bewirken. Wir schauen immer von Fall zu Fall und entscheiden themenbasiert. Bisher haben wir noch keinen Netzwerkpartner abgelehnt.

Was sollten junge Christen in ihrer Stadt tun?

Das Wichtigste ist, dass man sich einmischt in der Stadt. Und nicht nur Konsument bleibt. Sein Umfeld mit ganz wachen Augen beobachtet. W o lebe ich? Warum bin ich gerade in diesem Kiez? Wer hat in diesem Kiez ähnliche Interessen wie ich? Und dann gilt es, ganz schnell Beziehungen aufzubauen. Da ist es egal, ob ich essen gehe und mein Stammlokal finde. Oder ob ich in einer Babygruppe oder Gemeinde bin. Ich würde jeden ermutigen, Beziehung zu bauen und sich in verschiedene Gesellschaftsbereiche einzumischen. Und bitte nicht nur unter Christen bleiben, sondern da, wo man ist, Netzwerk bauen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

ANA HOFFMEISTER ist Geschäftsführerin des Vereins „Gemeinsam für Berlin“ und Teil des Leitungsteams. Mehr über das Netzwerk unter: www.gfberlin.de

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