Sag´ bescheid

Genau unsere Baustelle

ES IST LEICHT GEWORDEN, SICH AUS DER VERANTWORTUNG ZU STEHLEN. WIR LEBEN, ALS SEI JEDER NUR FÜR SEIN EIGENES DING VERANTWORTLICH. WER ABER CHRONISCH „NICHT ZUSTÄNDIG“ FÜR DIE GEMEINSAME SACHE IST, MACHT SICH SCHULDIG, FINDET JULIA MEISTER.

„Das ist nicht meine Baustelle!“ ist einer von diesen Sätzen, der unsere Zeit ganz gut charakterisiert. Ich bin für mich verantwortlich. Und das reicht. Erstaunlich, dass auch die Bibel diesen Satz schon kennt: „Bin ich meines Bruders Hüter?“ (1. Moses 4,9), fragte Kain und wandte sich von Gott ab. Das Gegenteil zu behaupten – ja, du bist deines Bruders Hüter – ist eine steile These. Und dennoch möchte der folgende Artikel genau das tun: Er möchte dir sagen, dass du verantwortlich bist. In aller Konsequenz und mit aller Herausforderung, die Verantwortung mit sich bringt. Das Konzept von Verantwortung ist schwammig. Rechtlich gesprochen sind wir dafür verantwortlich, uns den Gesetzesvorschriften entsprechend zu verhalten. Bis zur Volljährigkeit obliegt die Verantwortung für unser eigenes Leben unseren Eltern. Danach bestimmen wir selbst über unser Leben. Und gleichzeitig zeigt sich Verantwortung in deutlich mehr Aspekten als den rein rechtlichen. Es gibt eine moralische Verantwortung, politische Verantwortung, religiöse Verantwortung und Selbstverantwortung, um nur ein paar zu nennen. Daran wird deutlich, wie vielfältig der Begriff ist und wie schwer zu fassen. Verantwortung verlangt, sich für jemand anderes oder auch eine Sache zuständig zu fühlen. Die Konsequenzen des Handelns zu tragen – meines eigenen Handelns und womöglich auch das anderer? Und da geht es schon los: Bin ich verantwortlich für meinen Nächsten? Für die politische Lage unseres Landes? Für die Menschen in Afrika? Die meisten von uns würden diese Fragen vermutlich mit „Ja, aber“ beantworten. Verantwortung ist ein großer, unklar umrissener Begriff, oft schrecken wir deshalb davor zurück. Denn aus Verantwortung folgt unmittelbar persönliche Schuld, wenn ich ihr nicht gerecht werde. Nur: Was passiert mit Verantwortung, die ich von mir weise? Löst sie sich einfach in Luft auf? Und: Wen wollen wir denn verantwortlich machen, wenn nicht uns selbst? ANTWORT AUF GOTTES SCHÖPFERISCHE LIEBE Sprachlich interessant ist die Zusammensetzung des Wortes: VerANTWORTung – da steckt Antwort drin. Antwort worauf? Biblisch gesehen stehen wir Menschen immer im Verhältnis zu Gott. Als Geschöpfe Gottes sind wir herausgefordert, unser Leben als eine Antwort auf seine Liebe zu gestalten. Von der Schöpfung der ersten Menschen an übergibt Gott ihnen eine besondere Verantwortung für diese Welt. Sie sollten seine Welt bebauen und bewahren. Zugleich spricht die Bibel von einer Verantwortung für unsere Mitmenschen, der wir uns nicht ohne Weiteres entziehen können. „Niemand suche das seine, sondern das, was dem anderen dient“, heißt es im Epheserbrief. Im Korintherbrief verwendet Paulus die Idee des Leibes, zu dem wir als Christen als einzelne Glieder gehören, der aber erst in seiner Gesamtheit Bestand hat. „Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ (1. Korinther 12,26).

MITVERANTWORTLICH FÜR DAS GROSSE GANZE

Paulus Vorstellung des Leibes scheint zunächst irgendwie abstrus. Wieso sollten meine Handlungen das Wohlergehen der anderen beeinflussen? Sicherlich, bei ganz offensichtlich falschen Handlungen fällt uns das nicht schwer zu begreifen. Wenn ich jemanden bestehle, zum Beispiel. Aber auch sonst? Paulus widerspricht hier radikal unserem individualistisch geprägten Denken. Wir werden dazu erzogen, für uns selbst verantwortlich zu sein: Ich bin nun einmal ich und somit für mich und auch nur mich verantwortlich. Klar, dieser Gedanke hat definitiv etwas für sich. Schließlich wollen wir ja ungerne jemandem zur Last fallen. Gleichzeitig versperrt er aber den Blick für den Nächsten. „Wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt“, heißt es so schön. Aber was, wenn das nicht aufgeht? Wenn der, der nicht meine Baustelle ist, mit seiner eigenen überfordert ist? Für Paulus funktioniert die christliche Gemeinschaft nur dann, wenn sich jeder für den anderen mitverantwortlich fühlt – und zwar gegenseitig. Wie in einer großen WG. Erst als ganze WG antworten wir angemessen auf unseren Schöpfer. Das heißt sicher nicht, dass ich immer und in jedem Moment für jeden anderen verantwortlich bin. Im Körperbild gesprochen: Wie könnte zum Beispiel der kleine Finger für den großen verantwortlich sein? Oder die Niere für das Auge? Schließlich sind beide ganz unterschiedlich, mit unterschiedlichen Aufgaben und Charakterzügen. Es geht vielmehr darum, die gemeinsame Verantwortung als Leib, also als Gemeinschaft, zu begreifen. Dann ist der kleine Finger genauso wie der große Zeh dafür verantwortlich, dass es diesem Leib gut geht. Und wenn der große Zeh schwächelt, schwächelt der ganze Leib. Dann ist es Aufgabe jedes einzelnen Gliedes, ihn zu unterstützen und zu fördern.

DIE KOMPLEXE LAGE IST EINE SCHLECHTE AUSREDE

Oft genug erwische ich mich selbst dabei, vor Verantwortung zurückzuschrecken, weil ich einfach nicht weiß, wo ich anfangen soll. Wenn’s ums Kleiderkaufen geht zum Beispiel. Ich finde es nicht richtig, was mit den Näherinnen in Bangladesch oder Indien passiert, wie sie unter den großen Konzernen leiden, die oft ohne Rücksicht auf Menschenrechte und Folgen für die Umwelt ihren Profit vermehren. Und jetzt? K lar, faire Klamotten gibt es inzwischen mehr als man denkt. Aber nicht in jedem Laden, oft nur im Internet. Und sollte ich die Verkehrslast durch Onlinelieferungen unterstützen? Werden faire Kleider auch zu umweltfreundlichen Konditionen hergestellt? Und dann ist da ja noch der liebe Geldbeutel, der bei einem Studentenbudget dann doch gewisse Grenzen vorgibt. Welche Verantwortung habe ich gegenüber Menschen, deren Lebensumstände nur bedingt von meinem Verhalten abhängen? Die Situation ist komplex. Oft lässt uns das erstarren und wir werden überhaupt nicht tätig. Aber darf das eine Ausrede sein? In meinem Wirtschaftsethikbuch schockierte mich neulich folgender Satz: „Dass die Situation differenziert und komplex ist bis zur Unübersichtlichkeit, erlaubt nicht die schlichte Leugnung solcher Verantwortlichkeit, es erlaubt nicht die Behauptung der Anonymität und Fatalität der gesamtgesellschaftlichen und der wirtschaftlichen Entwicklung, und es erlaubt daher natürlich auch nicht die Behauptung der Schuldunfähigkeit des Handelns in den genannten Positionen der Gesellschaft und des Wirtschaftslebens.“ (Eilert Herms) Kein schöner Satz, aber ein wahrer: Nur weil die Dinge komplex sind, sind wir nicht weniger verantwortlich. Und genauso auch nicht weniger schuldig, wenn wir unsere Verantwortung verpassen. „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Singen die Ärzte.

DER VERANTWORTUNG GERECHT WERDEN

Zugegeben, hier wird ein ganz schön hoher Maßstab gesetzt. Denn die Einsicht der Schuld ändert noch nichts daran, dass wir oft nicht einsehen können, wie wir jetzt ganz konkret verantwortlich handeln können. Manchmal ist die Baustelle des Anderen für uns schlichtweg zu groß und frisst unsere Kräfte. Aber vielleicht müssen wir auch gar nicht immer die Gesamtsituation begreifen. Lasst uns nicht davor zurückschrecken, dass wir die Welt nicht verändern können. Lasst uns vielmehr versuchen, unserer Verantwortung ganz konkret im Alltag gerecht zu werden. Das zeigt sich in der Handhabung mit unserer Zeit, mit Geld, in der Offenheit und Liebe, die wir anderen entgegenbringen. Klar, wir können nicht für alles verantwortlich sein. Aber wir können anfangen, uns unserer Verantwortung bewusst zu werden. Indem wir unseren Konsum kontrollieren und vielleicht doch das fünfte Kleidchen für diesen Sommer bei H&M zurück ins Regal hängen. Indem wir offen sind für die Menschen um uns herum, sei es in der Uni, am Arbeitsplatz, in der WG. Indem wir dort, wo wir sind, andere mit unseren eigenen besonderen Gaben unterstützen und fördern. Indem wir vielleicht doch vor der nächsten Wahl ein paar Stunden investieren, um zu überlegen, was unser Land eigentlich wirklich braucht. Und indem wir der Verantwortung uns selbst gegenüber gerecht werden. Uns in aller Freiheit Grenzen eingestehen. Denn wenn wir zu viel Verantwortung übernehmen, schaden wir uns manchmal selbst mehr, als es anderen gut tut. Sicherlich werden wir die Welt nicht retten können. Wie gut, dass Jesus das für uns getan hat. Das mindert nicht unsere Verantwortung, aber es nimmt die Angst davor zu scheitern. Weil Jesus unsere Schuld vergibt, dürfen wir in Freiheit verantwortungsbewusst leben.

JULIA MEISTER will ihren Teil der Verantwortung fürs Ganze wahrnehmen. Gott zuliebe.

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  1. Anja Werner

    find ich klasse Artikel. Sehe es auch so, dass man oft überfordert ist. Aber im kleien fängt es ja meist an 🙂

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