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„Man meint, die machen was ganz Wichtiges …“ – Patrick Güldenberg über die junge Generation und ihre produktive Fassade

In seiner WG-Komödie „Wir sind die Neuen“ hat Autor und Regisseur Ralf Westhoff den Clash der Generationen in ein Mehrfamilienhaus verlegt. Patrick Güldenberg spielt einen der jungen Spiesser, die auf eine Frührentner-WG mit Hippieambitionen stossen. Wir wollten wissen, wie viel Spiesser in ihm steckt – und ob er glaubt, dass da was dran ist am Bild der überstrebsamen Jugend.

Patrick, du hattest eine längere Kinopause. Wie war es, wieder für die Leinwand zu spielen?
Ich war ein bisschen aufgeregt, wie es wird; ich habe jetzt vier Jahre lang nur Theater gespielt. Es war aber ganz schnell wieder wie ‚nach Hause kommen‘.

Ralf Westhoff war nicht nur Regisseur, sondern auch Drehbuchautor. Gab es so etwas wie künstlerische Freiheit oder Austausch?
Einen Austausch gab es. Aber mit dem Text konnten wir nicht wirklich frei umgehen. Da ist Ralf schon ein sehr außergewöhnlicher Fall, weil er seine Drehbücher selbst schreibt und an jedem Wort hängt.

Wodurch hat dich das Drehbuch überzeugt?
Was ich dramaturgisch gut gemacht finde, ist diese Brücke, die zwischen den zwei Generationen geschlagen wird. Beide nehmen voneinander etwas mit und merken, wie wenig fremd sie sich eigentlich sind, wie man sich fast auf Augenhöhe begegnet. Das finde ich toll, weil ich es aus meinem Leben kenne. Ich arbeite mit Schauspielern sehr eng zusammen, die dreißig Jahre älter sind als ich und mittlerweile auch mit Schauspielern, die zehn Jahre jünger sind. Ich hab die Chance, ihnen auf einer sehr menschlichen Ebene begegnen zu können, nicht auf einer hierarchischen Altersebene.

Was ist für dich eine Botschaft des Films?
Was man an den Jungen sieht: Die arbeiten total emsig für ihr Studium. Wenn man aber hinter die Kulissen schaut, merkt man, dass alles nur Fassade ist und sie ihr Leben eigentlich gar nicht auf die Reihe bekommen. Hier sehe ich Parallelen zur Bankenkrise. Bis vor ein paar Jahren dachte man: In den Banken und Wirtschaftsunternehmen wird richtig hart gearbeitet, die sind total fleißig. Nach außen hin haben sie einen Anzug an und laufen geschäftig vom Taxi ins Büro. Man meint, die machen was ganz Wichtiges, aber eigentlich machen sie nur Quatsch. Der Film zeigt, dass dieser Weg letztendlich nicht ins Glück, sondern eher in Krisen, Schmerz und Stress führt. Er öffnet den Blick dafür zu fragen: Wo findet das Leben statt oder wo kann ich mich mal frei machen von diesem ganzen Leistungsdruck?

Du spielst einen jungen Jura-Studenten, der in einer WG wohnt. Hast du selbst WG-Erfahrungen?
Ich habe drei Jahre in einer WG gewohnt, als ich in Hannover Schauspiel studiert habe. Das war super, weil ich sehr viel in der Schauspielschule war und kaum rausgekommen bin. Meine Mitbewohner haben was ganz anderes gemacht: Sonderschullehramt und Sozialpädagogik.

Die WG-Atmosphäre war wahrscheinlich ein wenig anders als im Film …
Genau, die Atmosphäre war eher so wie in der WG der älteren Leute.

Kommt dir der Lebensstil der jungen Generation aus deinem eigenen Umfeld bekannt vor?
Dieses Angespannte, sehr Ehrgeizige? Komischerweise nicht so richtig. Die meisten Leute in meinem Umfeld sind kreativ tätig. Ich bin ja auch schon ein bisschen älter als die Generation, die im Film porträtiert wird, aber nach meinem Gefühl spalten sich die heutigen 25-Jährigen in zwei Lager: Die einen, die total exzessiv Party machen, und die anderen, die schon in einer Firma arbeiten oder BWL studieren und möglichst schnell Karriere machen wollen. Die feiern dann gar nicht mehr und haben auch ihre Facebook- Profile total clean aus Angst, durch negatives Partyverhalten aufzufallen. Da gibt es unter den jungen Leuten so eine extreme Angst, aus dem Raster zu fallen und irgendwann sein Leben nicht mehr finanzieren zu können. Im Alter arm zu sein, keinen guten Job zu bekommen, in die Unterschicht abzurutschen. In den Zeitungen wird ja eine Angst vor der neuen Unterschicht geschürt.

Auch Angst vor falschen Entscheidungen?
Auf dieser Business-Generation lastet ein totaler Druck. Eine Freundin von mir, die in einer Immobilienfirma arbeitet, hat jetzt eine Gruppe 27-jähriger Neueinsteiger in ihrem Team. Die hatten sich total lange gesträubt, den Job anzunehmen, weil sie gehofft hatten, irgendwo eine bessere Bezahlung zu bekommen. Sie wollten sich bis ganz kurz vor knapp noch alles offen halten. Diese junge Generation macht ja teilweise schon nach zwölf Jahren Abitur und fängt ohne Zivildienst oder Bund an zu studieren. Nach drei Jahren sind sie mit dem Bachelor fertig und mit 21 auf dem Arbeitsmarkt. Und diese Zeit, in der man sich mal ausprobieren kann oder eine Weltreise macht, findet heutzutage kaum noch statt.

Hast du das Gefühl der Leistungsdruck ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen? Ja, wahrscheinlich. Schon vor zehn Jahren, als ich mich entschieden habe, welchen Weg ich gehen will, hat man gesagt: Die Wirtschaft steht kurz vor dem Kollaps, und man muss sich anstrengen, überhaupt dabeizubleiben.

Der ältere Johannes sagt zu dir als Thorsten im Film: „Bitter ist, wenn man den Erfolg des Lebens in Euro misst.“ Was macht für dich persönlich ein erfolgreiches Leben aus?
Das ist eine sehr existenzielle Frage (lacht). Ich glaube mir ist es recht wichtig, mich kreativ ausdrücken zu können. Das ist einer der wichtigsten Aspekte, der für mich ein erfülltes Leben ausmacht. Außerdem ein stückweit in Frieden mit mir selbst zu kommen und eine gute soziale Struktur. Viele Freunde, herzliche Verbindungen mit Menschen.

Glaubst du, dass konservative Werte, die durch die 68er verdrängt wurden, jetzt wieder im Kommen sind? Heiraten und so?
Heiraten ist natürlich ein klassisches Beispiel. Diese traditionellen Familienwerte. Ich glaube zumindest, dass es eine Sehnsucht nach einer überschaubaren Welt mit klaren Wertvorstellungen gibt. Ob das dann immer so funktioniert, ist eine andere Frage.

Im Film wird das Internet von den Mitgliedern der älteren WG etwas kritisch betrachtet. Wie stehst du zu modernen Kommunikationsmedien?
Ich bin lustigerweise ein ziemlicher Technik-Loser. Da bin ich immer so fünf Jahre später dran als alle anderen. Ich hatte beispielsweise erst 2002 eine Mailadresse und erst 2005 einen eignen Internetanschluss in meiner Wohnung. Aber mittlerweile nutze ich das total: Ich gehe morgens an den Computer, gucke erst mal bei Facebook, was so los ist und checke meine Mails. Das ist mein klassisches Morgenritual. Ich habe auch mein Handy immer dabei. Da bin ich nicht frei von.

Im Film fragt Anne: „Wer gibt euch die Zeit zurück, die euch das Internet klaut?“ Siehst du das auch so?
Jein, das ist eine zweischneidige Angelegenheit. Auf der einen Seite hat man viel mehr Input, ist vernetzter, nimmt mehr am öffentlichen Leben teil. Auf der anderen Seite finde ich dieses ständige Smartphone-Getippe total erschreckend, auch wenn es mir selbst genauso geht. Überall wo du bist, tippt gerade irgendjemand in sein Smartphone. Neulich habe ich ein Foto gesehen, von Leuten, die am Bahnhof auf den Zug warten: Alle gucken auf ihr Smartphone, nur einer schaut geradeaus und darüber steht „What the fuck is wrong with him?“ Wofür könnte man Wartezeiten sonst nutzen? Man kann sie nutzen, um einfach mal im Moment anzukommen. Zu realisieren, dass man gerade nichts machen muss, einfach nur da sein kann. Das fällt mir selbst total schwer.

Im Film spielst du einen sehr neurotischen jungen Mann. Wie ist das im wahren Leben?
Ich bin da nicht frei von (lacht). Ich mache mir oft schon abends mein Frühstück, bevor ich ins Bett gehe, damit ich das morgens einfach nur aus dem Kühlschrank rausnehmen muss.

Na, ob das als neurotisch durchgeht?
Na ja, ein bisschen gestört ist es schon.

Vielleicht ein bisschen schrullig.
Ja, genau.

Die drei älteren im Film ziehen kurz vor ihrer Rente zusammen in eine WG. Machst du dir schon Gedanken über dein Rentnerdasein?
Ehrlich gesagt nur am Rande. Das Gute am Schauspielberuf ist ja, dass man nicht aufhören muss, wenn man nicht gesundheitlich dazu gezwungen wird. Ich will gar nicht mit 65 oder 67 aufhören zu arbeiten und an die Ostsee ziehen, um Geranien zu pflanzen. Meine Eltern haben auch nach der Rente noch weitergearbeitet. Deswegen kommt das in meinem Lebensmodell so nicht vor.

Siehst du bei deinen Eltern Parallelen zur älteren Generation im Film?
Nein, meine Eltern sind noch einmal zehn Jahre älter und haben deshalb diese Hippiezeit nicht so mitbekommen. Aber ich höre von extrem vielen Leuten aus meinem Freundeskreis, dass die sich schon durch den Trailer oder das, was ich vom Film erzähle, extrem angesprochen fühlen. Ich habe einen sehr breiten Freundeskreis, so ungefähr im Alter von 20 bis 60 Jahren. Die Leute zwischen 50 und 60 haben schon das Gefühl, wilder zu sein als die Jugend von heute. Neulich habe ich das mal erlebt: Ich bin mit einer Bekannten, die Ende 50 ist, Fahrrad gefahren und da rief uns ein Jugendlicher BWL-ler hinterher: „Das ist kein Fahrradweg hier!“ Das fand ich ziemlich passend zum Thema des Films.

Noch ein schöner Satz im Film ist: „Es ist ein Drama,dass ihr über all diese Kommunikationsmedien verfügt und nichts zu sagen habt.“ Glaubst du, da steckt ein Funken Wahrheit drin?
Ich finde, wenn man sich Facebook-Pinnwände anschaut, hat man schon das Gefühl, dass Leute sich für extrem viel einsetzen. Der Unterschied zu den 68ern liegt eher darin, dass es nicht mehr so eindeutig ist, wohin die Stoßrichtung geht. Es gibt wahrscheinlich genauso viele Leute auf Facebook, die sich für christliche Werte aussprechen, wie dafür, dass das Trinkwasser nicht privatisiert wird. Es gibt kein eindeutiges Feindbild mehr. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Und dann gibt es noch den Begriff der Politikverdrossenheit in Deutschland. Als ich jung war, war klar, dass wir alle gegen Umweltverschmutzung demonstrieren. Heute ist alles viel komplexer und komplizierter.

Interview: Anna Koppri

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