Sag´ bescheid

Raus aus der „Alles-am-besten-sofort-Mentalität“

In der Hektik des Alltags geht uns schnell der Blick für das Sinnvolle verloren. Dabei lässt sich in der verdichteten Zeit auch in verschiedenen Tempi leben.

„Dieses Jahr ist nichts passiert“, resümierte eine mittelalterliche Chronik das damals vorausgegangene Jahr. Was für eine Vorstellung. Wie würde sich das anfühlen, wenn wir Ende dieses Jahres zu dem Schluss kämen, es wäre rein gar nichts passiert? Alles wäre ruhig vor sich hingeplätschert wie ein Bach, der keine Hast und Eile dabei empfindet, das Wasser über Stock und Stein zu schieben. Wäre das verschwendete Zeit? Oder wären wir froh, einmal durchzuatmen?

Um ehrlich zu sein, denke ich gerade das erste Mal wirklich über mein letztes Jahr nach. Nicht über Trump, die Hitze oder die Fußball-WM, nein, über mein eigenes Leben. Ich habe sechs Monate lang mit meiner Masterarbeit gerungen und das Studium abgeschlossen. Unser 18 Monate alter Sohn hat dieses Jahr laufen und seine ersten Wörter gelernt. In Nicaragua, dem Heimatland meines Mannes, herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, und ein Freund von uns wurde zu einem der bislang 350 Toten, die das Land beklagt. Von „nichts passiert“ kann keine Rede sein. Und trotzdem war da wenig Bewusstsein für das, was in meinem Leben wirklich wichtig ist. Zu wenig Innehalten und Reflektieren.

MUSSE, ÜBER SICH SELBST NACHZUDENKEN

„Ich würde mir wünschen, dass die Menschen die Ruhe und die Muße finden, über sich selbst nachzudenken. Denn das ist, glaube ich, ein Hauptpunkt, der in der Leistungsgesellschaft – in dieser beschleunigten Arbeitswelt – verloren geht“, erklärte der Diplom-Psychologe Heiko Borchers im Interview mit dem Sender NDR. Er spricht das Korsett an, in das sich die meisten Menschen gezwängt haben, um mit der Gesellschaft mithalten zu können: das Korsett der Geschwindigkeit.

Einer der wichtigsten Zeitforscher in Deutschland, der 73-jährige emeritierte Professor Karlheinz Geißler, befasst sich Zeit seines Lebens mit unserem Verständnis von Zeit. „Zeit ist für die Menschen das, was das Wasser für die Fische ist. Die Fische schwimmen im Wasser, ohne sich Gedanken zu machen, worin sie sich da eigentlich bewegen; und so bewegen wir Menschen uns üblicherweise auch in der Zeit“, schreibt Geißler. Er findet, dass wir uns dem Diktat der Uhr unterworfen haben, obwohl wir das nicht müssten. „Wir stopfen immer mehr in unseren Alltag, und das macht die Zeit eng. Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern zu viel zu tun“, sagte er im Interview mit der ZEIT.

UNSER EIGENES GEFÜHL FÜR DIE ZEIT VERLOREN

Die Möglichkeiten, die moderne Technologien uns bieten, haben unsere Zeit verdichtet. Wir haben uns daran gewöhnt, per Knopfdruck alles zu bekommen. Über unsere Smartphones prasseln täglich tausende Informationen auf uns ein; die wenigsten davon sind wirklich relevant für unser Leben. Wir schlafen mit dem Blick auf das Smartphone ein und wachen mit dem Blick darauf auf. Wir werden bombardiert mit Terminanfragen und haben das Gefühl dafür verloren, wie lange wir überhaupt brauchen dürfen, um zu reagieren. Früher war eine Woche okay – aber heute? Alles am besten sofort.

Geißler erinnert daran, dass die Uhr nicht alles ist. Da ist zum Beispiel der eigene Rhythmus des Körpers, der – das ist das Wichtigste – anders als die Uhr auch Abweichungen toleriert. Wir sind vielleicht jeden Tag etwa um 7 Uhr wach, aber eben auch mit kleinen Abweichungen – je nachdem, was los ist. Da ist außerdem der Rhythmus der Natur, die Orientierung an Jahreszeiten, an Sonne und Mond. Erst mit Erfindung der mechanischen Uhr – durch einen Mönch in Mailand gegen Ende des Mittelalters – wurde diese zum Nonplusultra, so Geißler. Die Uniformität, die das mechanische Ticken brachte, wurde auch auf den Menschen übertragen: Von nun an konnte des Menschen Leistung in Zeit verrechnet werden – und Zeit in Geld. Time is Money!

DER MENSCH, DER SICH IN SEINER PFLICHT VERLIERT

Als Eichendorff im Jahr 1826 die Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ veröffentlichte, mokierte er sich darin auch über das deutsche Pflichtbewusstsein; den ständigen Zwang, sich nützlich zu machen. Dass der Mensch sich aufgibt für eine Sache, von der er selbst nicht recht weiß, was sie nutzt. Dass der Mensch nichts ist, wenn er nicht arbeitet und schuftet. So auch heute: Wie oft höre ich Freunde stöhnen, dass sie an einem Tag nicht produktiv genug waren, in der Bibliothek nicht genügend gelernt haben oder das Pensum, das sie sich für den Tag vorgenommen haben, nicht erfüllt haben! In unserem engen Takt kommt uns ein Tag, an dem wir nicht (genügend) gearbeitet haben, vor wie eine Ewigkeit des Müßiggangs. Wir haben uns so sehr an das Korsett der Zeit gewöhnt, dass wir nicht mehr spüren, wie die Schnüre und Ösen sich in unsere Haut pressen und uns die Luft zum Atmen nehmen.

„Wir aber haben das Nichtstun verlernt. Wir könnten stillstehen, aber es darf nicht nichts gemacht werden in dieser Gesellschaft. Pausen gelten als verlorene Zeit. Deshalb werden mittlerweile sogar die Pausen ökonomisch nutzbar gemacht“, sagt Geißler. Seine größte Kritik gilt der bedingungslosen Taktung des Menschen ohne Rücksicht auf die Folgen. „Wir sprechen ja immer von der Rushhour des Lebens, zwischen 30 und 40, wo die Leute besonders hektisch und schnell sein müssen. Eigentlich aber ist das ganze Leben eine Rushhour. Nur Kinder und Alte dürfen langsam sein. Dazwischen muss man schnell sein. Was unserer Gesellschaft guttäte, ist Zeitvielfalt. Dass man in der Mitte auch mal langsam sein darf. Und im Alter schnell.“

DAS ALLES-MUSS-SOFORT-PASSIEREN LOSLASSEN

Es ist nun mal so: Unsere Zeit muss in den meisten Fällen organisiert und gemanagt werden. Das ist unvermeidbar, wenn wir Abläufe mit anderen Menschen teilen, wie beispielsweise auf der Arbeit, an der Universität oder an der Schule. Das Problem liegt eher darin, dass wir nicht mehr loslassen können. Wir haben die Schnelligkeit der Technologien auf uns übertragen und wollen nun auch alles sofort: sei es an einem Tag, in einem Jahr oder auf unsere Lebensphase bezogen.

Von einem erfolgreichen Manager las ich den Tipp, den ganzen Tag in effektive Viertelstunden zu gliedern. Das heißt, keine Viertelstunde ungenutzt zu lassen. So schafft man ohne Zweifel richtig viel. In seinem Job mag das nicht anders gehen.
Ich frage mich aber, ob er seine effektiven Viertelstunden je wieder wird loslassen können. Und stelle mir vor, wie er im Urlaub auf den Malediven den Sprung in den Pool, das Nippen am Gintonic und das Schlummern auf der Liege in effektive 15 Minuten gliedert. Ich erinnere mich daran, wie sehr sich manche Deutsche in der Dominikanischen Republik über die demonstrative Gelassenheit der Einheimischen ärgerten. Wir waren zwei Tage auf einer Trauminsel gestrandet, weil unser Flugzeug kaputt war; konnten also wie moderne Robinson Crusoes die Seele baumeln lassen – aber ihnen ging alles nicht schnell genug.

Ich mag das alte Sprichwort „Was lange währt, wird endlich gut“. Es erinnert mich an eine Alternative zum hektischen Lebensstil und fordert mich heraus, Dinge mit Geduld und Beharrlichkeit anzugehen. Ich bin oft erstaunt, wie schnell Menschen bereit sind, das Handtuch zu werfen oder ihre Arbeit zu entwerten, sobald jemand anderes auftaucht, der das Gleiche ihrer Meinung nach besser oder schneller tut. Wir sind nun mal 7,6 Milliarden Menschen auf dieser Erde. Es kann immer jemanden geben, der etwas besser kann. Aber deswegen den Kopf in den Sand stecken? Ich frage mich, wo die Menschen in unserer Generation sein werden, die wie Leonardo da Vinci mit geduldiger Leidenschaft neue Erfindungen ausprobieren. Die sich jahrelang der Lösung eines kleinteiligen physikalischen Problems widmen. Oder ein langfristiges Projekt für ihren Stadtteil aufbauen, dessen Veränderungen erst in zehn oder zwanzig Jahren sichtbar sein werden. Werden wir uns vollkommen in der Hektik unseres Alltags verloren haben, ohne ein Gefühl dafür, was in unserem Leben noch wichtig ist?

WAS KÖNNEN WIR WIRKLICH SINNVOLLES TUN?

Es wird darum gehen, die Erwartungen der Gesellschaft und den Geschwindigkeitszwang auszublenden, um wieder freier zu entscheiden, was wir Sinnvolles mit unserer Zeit anstellen können. Nicht zu verzweifeln, wenn etwas nicht gleich passieren kann, sondern auch die Zukunft mit ihren Möglichkeiten zu umarmen. Am Ende des Lebens (und wann das sein wird, wissen wir nicht) werden wir wieder loslassen müssen. Da wird es nicht mehr um unsere Schätze auf Erden, sondern die im Himmel gehen. Am Ende werden das Ticken der Uhr und die Geschwindigkeit viel weniger Bedeutung haben, als wir meinen. Es wird das bleiben, was wie ein Baum seine dicken Wurzeln tief in die Erde gegraben hat. Dort wird der Baum dann stehen, fest und unverwüstlich, mit einem milden Lächeln für die Hektik des Lebens.

JULIA MONGE wünscht sich wieder mehr Geduld fürs Tagebuch-Schreiben und -Lesen, so wie früher einmal.

 

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