Sag´ bescheid

„Wir sollten Brückenbauer sein!“

VERGEBUNG ALS LEBENSTHEMA: WENN DER THEOLOGE MIROSLAV VOLF ÜBER SEINE THEOLOGIE DER VERGEBUNG SPROCHT, LEGT SEINE VITA ZEUGNIS AB VOM RIESIGEN VERSÖHNUNGSPOTENTIAL DES CHRISTLICHEN GLAUBENS. DAS HAT IHM DEN RUF EINES BRÜCKENBAUERS EINGEBRACHT.

Professor Volf, Sie haben viel zu den Themen Vergebung und Versöhnung gearbeitet. Eine persönliche Frage zum Einstieg: Wann haben Sie zuletzt um Vergebung gebeten?

(Lacht) Das ist ja eine peinliche Frage. Ich weiß nicht, ob ich diese Frage beantworten möchte … Ich kann dir sagen, dass ich häufig um Vergebung bitte. Ich bitte meine Frau um Vergebung, meine Kinder und meine Mitarbeiter. Ich denke, dass ein gewisses Empfinden der eigenen Fehlbarkeit – sich nicht in einer Art und Weise zu verhalten, die der Situation entspricht – grundlegend für einen christlichen Lebensstil ist. Leben ist Vergebung. Denn zu leben heißt, ungerecht zu handeln.

Warum hat das Thema Versöhnung Ihr Leben und Ihre Theologie so stark geprägt?

Schon sehr früh in meinem Leben gab es ein Ereignis: Als mein Bruder fünf Jahre alt war, kam er wegen der Fahrlässigkeit eines Soldaten ums Leben. Meine Eltern entschieden sich unabhängig voneinander, dem Soldaten zu vergeben. Dieses Ereignis hat unser Familienleben sehr früh geprägt und ist wesentlicher Bestandteil meiner eigenen Identität geworden. Als dann der Krieg im ehemaligen Jugoslawien ausbrach, war das für mich ein Anlass, mein eigenes Denken über Versöhnung zu vertiefen: Was sind die Schritte, die man unternehmen kann, um die Kluft zu überbrücken, die sich in meinem eigenen Land immer weiter vertiefte?

Warum müssen wir uns denn überhaupt versöhnen?

Es gibt Gründe, die tief im christlichen Glauben verwurzelt sind. Wir sind geschaffen, um in unserem eigenen Leben die Schönheit und Güte Gottes widerzuspiegeln. Sie zeigt sich darin, dass Gott den Gottlosen vergibt, denjenigen von uns, die vom Weg abkommen, weg von der Güte, weg von der Schönheit, weg von der Wahrheit. Trotzdem vergibt Gott. Das ist wesentlicher Bestandteil von Gottes unerklärlicher Großzügigkeit. Zu vergeben bedeutet also, an dieser Aktivität Gottes teilzunehmen, den sündigen Menschen zu umarmen. Ich glaube, das ist die Hauptmotivation, warum ein Christ vergeben sollte. Natürlich haben Vergebung und Versöhnung auch ihren sozialen Nutzwert. Ich tue mir selbst und dem Anderen etwas Gutes, wenn ich vergebe. Das ist eine legitime und richtige Motivation.

Um Ihre Frage von oben aufzugreifen: Was sind die entscheidenden Schritte, die für Versöhnung notwendig sind?

Ich glaube, dass Versöhnung einige konstitutive Elemente hat. Da ist jemand, der uns Unrecht angetan hat, oder wir haben jemandem Unrecht angetan. Um uns zu versöhnen, müssen wir uns an das Fehlverhalten erinnern und wir müssen uns recht erinnern. Wir müssen um Vergebung bitten, Vergebung gewähren und – wenn wir die Täter sind und es uns möglich ist – das wiederherstellen, was unser Fehlverhalten zerstört hat. Schlussendlich müssen wir einen Weg zur anderen Person finden. Erinnern, Buße, Entschuldigung und Vergebung – all diese Dinge schauen zurück. Sie versuchen das, was zerbrochen ist, wiederherzustellen. Aber dann gibt es diesen letzten Schritt, der in die Zukunft schaut und sagt: Ich möchte nicht nur das, was passiert ist, nicht mehr gegen dich anrechnen, sondern ich möchte auch dein Freund sein. Du bist ein Teil von mir. Du gehörst zu mir. Ich möchte dich umarmen, sodass wir Gemeinschaft haben können.

Aber was ist mit Gerechtigkeit? Schließt Gerechtigkeit nicht Vergebung aus? Ein Beispiel: Vor einigen Wochen kam eine Frau durch eine schreckliche Vergewaltigung in Indien ums Leben. Ist es nicht grausam, unter solchen Umständen von Vergebung zu sprechen?

Natürlich ist das schwierig. Es gibt viele Umstände, wo schreckliches Unrecht verübt wurde. Aber selbst, wenn das Unrecht eher klein ist, warum sollten wir vergeben? Ist das nicht ein Affront gegen die menschliche Würde? Letztendlich vergeben wir, weil wir lieben. Weil wir das Unrecht überwinden wollen. Wir wollen nicht, dass das Unrecht zwischen uns steht. Die einzige Möglichkeit, dem Pfad zu folgen, der durch das Vergehen eingeschlagen wurde, und eine Beziehung wiederherzustellen, ist durch die Macht der Vergebung. Kein anderes menschliches Werk hat diese Macht. Das ist natürlich oft sehr schwierig.

Warum sollte ich jemanden lieben, der mir so schreckliches Leid zugefügt hat?

Die Antwort ist wieder: Weil wir Gottes Charakter widerspiegeln wollen. Aber du hast nach Gerechtigkeit gefragt. Was passiert mit der Gerechtigkeit? Ich glaube, dass auch der Gerechtigkeit durch Vergebung genüge getan wird. Wenn ich vergebe, mache ich dadurch kenntlich, dass jemand mir in der Tat Unrecht getan hat. Trotz dieses Unrechts, das ich erlitten habe, möchte ich aber immer noch eine Beziehung zu dieser Person haben. Ich möchte nicht, dass das Unrecht die Gemeinschaft zwischen Menschen zerbricht. Und da kommt Gerechtigkeit ins Spiel. Sie wird bestätigt, doch zur gleichen Zeit rechne ich dem Übeltäter die Forderungen der Gerechtigkeit nicht an.

Jesus spricht davon, dass wir siebzigmal siebenmal vergeben sollen. Gibt es da ein Limit? Vielleicht nicht in der Theorie, aber in der Praxis?

Es ist die Unendlichkeit der Vergebung, die mit dieser Textstelle postuliert wird. Das ist mit der Idee verbunden, dass Vergebung bedingungslos ist. Wenn wir vergeben, heißt das nicht, dass wir uns immer wieder neu in eine Situation hineinbringen, in der uns Unrecht angetan werden kann. Wir müssen das Unrecht nicht stillschweigend dulden. Aber wenn uns Unrecht getan wird, dann sollen wir bereit sein, einfach so zu vergeben. Vergebung ist bedingungslos, weil die Liebe bedingungslos ist.

Gilt das auch für die Versöhnung zwischen religiösen und ethnischen Gruppen?

Versöhnung zwischen Gruppen und Versöhnung zwischen Individuen sind ähnliche Vorgänge, aber doch unterschiedlich. Es ist sehr viel komplizierter für Gruppen, sich zu versöhnen. Ich glaube aber, dass ihr hier in Deutschland ein gutes Vorbild in eurer Geschichte habt. Die Versöhnungsarbeit zwischen Deutschen und Franzosen ist beispielhaft in vielerlei Hinsicht. Ich würde also auf eure Erfahrung verweisen, von der wir alle lernen können: Zu einer Einigung oder Annäherung darüber kommen, was passiert ist, Vertrauen aufbauen und das Unrecht, das verübt wurde, zugeben. Und dann das Alte hinter sich lassen und nach vorne schauen.

Es mag einige gute Versöhnungsarbeit in Deutschland gegeben haben, aber so wie ich das sehe, ringen wir Deutschen sehr mit unserer Vergangenheit. Es fällt uns immer noch schwer, stolz auf unser Land zu sein. Wie können wir als Deutsche uns selbst vergeben für unsere Vergangenheit?

Ja, manchmal ist es am schwersten, sich selbst zu vergeben. Ich bin mir nicht sicher, ob Stolz die angemessene Haltung zu unserer Vergangenheit sein sollte. Eine angemessenere Haltung ist, denke ich, Annahme. Die Fähigkeit, die eigene Würde zu fühlen, sogar dann, wenn man nicht stolz auf seine eigene Vergangenheit ist. Ein Gefühl des Angenommenseins trotz der eigenen Geschichte – das scheint mir eine gesündere Haltung zu sein als Stolz.

Gesellschaftlich haben wir es heute mit Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen der Gesellschaft zu tun, seien es Muslime und Christen oder Migranten und Einheimische. Welche Rolle sollten Christen darin spielen?

Wir sollten Brückenbauer sein. Dafür haben wir unglaubliche Ressourcen im christlichen Glauben. Wir sollten diese Ressourcen zuallererst nutzen, um uns untereinander zu versöhnen und dann, um als Mittler der Versöhnung in der Welt zu dienen. Der außergewöhnliche Gott, dem wir dienen, ist die Liebe selbst und drückt seine Liebe auch gegenüber der gottlosen Menschheit aus. Christen sollten sich selbst in die Geschichte dieses Gottes hineinnehmen lassen und Brückenbauer und Mittler der Versöhnung werden.

Ein letzter Rat für unsere junge Generation?

Mein letzter Rat ist eine ganz einfache Botschaft des Evangeliums: „Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach.“ Das ist eine radikale Botschaft von Jesus Christus und es ist eine überwältigend schöne Botschaft. Ich kann mir keinen besseren Beitrag zur Heilung unserer Welt vorstellen, als richtig zu verstehen, was es heißt, sein Kreuz auf sich zu nehmen und Christus zu folgen. Und es dann auch wirklich zu tun.

Das Interview führte Moritz Brockhaus.

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